Samstag, 29. Juni 2013

Abschied, Schmerz und Hoffnung (I)

Bestattungen in Taiwan

Es fiel mir anfänglich schwer Informationen zu finden, was denjenigen erwartet, der nach Taiwan reist und mit dort einem Trauerfall konfrontiert wird. Natürlich hatte mich meine Frau informiert. Aber was für sie aufgrund ihrer Sozialisierung selbstverständlich ist, kann für mich zum Bereich des Undenkbaren gehören. So erinnerte ich mich an frühe Schilderungen von Ludigel, die sehr beeindruckend waren. Im Internet fand sich ansonsten Orientierung etwa bei Virtualtourist oder der „Schleifendruckerei“. Es finden sich auch – mal wieder - abgefahrene Taiwan-Sachen, wie die „Funeral Strippers“, die ich nun überhaupt nicht mit meiner Familie in Verbindung bringen könnte. Auch meine Frau hat die sexy Tänzerinnen, die ja gar nicht strippen, also wie Ursula Martinez ihre Kleidung ablegen, noch nie in Verbindung mit Beerdigungen, wohl aber bei Tempelfesten oder Hochzeiten gesehen.

Einen umfassenden Einblick in den Aufwand, der mit einer Trauerfeier in Taiwan verbunden sein kann, gibt Douglas M. Gildow auf seiner Webseite.

Die Riten sind dabei offenbar in Taiwan sehr vielfältig, sie hängen von der örtlichen Gemeinschaft, der Volksgruppe, der sozialen Zugehörigkeit, den Einstellungen in der Familie und dem Status ab. Eine große Familie auf dem Land kann (und muss ) sicher mehr Aufwand veranlassen als eine Kleinfamilie in den verstädterten Gebieten. Oft weiß die betroffene Familie nicht in allen Details, was zu beachten ist, da Todesfälle sehr selten eintreten. Nachbarn, Verwandte, Freunde und das „Höflichkeitsinstitut“, wie die Bestattungsunternehmen genannt werden, geben dann Hinweise. Wie bei uns sind Riten dem Wandel der Zeit unterworfen. Die Anforderungen des modernen Lebens, etwa der Zwang an Schulprüfungen in einer straff auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft teilzunehmen, verhindern beispielsweise, dass alle Enkel an einer Bestattung teilnehmen können.

Die Nähe zum Tod und die Betroffenheit, die eigene Trauer und Würde bei der Angelegenheit sprechen meines Erachtens dagegen, Fotos zu machen und das Geschehen mit Neugier zu betrachten. Zudem kommt, dass der Tod in Taiwan allgemein noch stärker als in der deutschen Gesellschaft tabuisiert und möglichst verdrängt wird.

Im Laufe meines Aufenthaltes lernte ich, mich von westlichen Denkmustern zu befreien. Viele unserer Prinzipien haben in Taiwan keine Bedeutung. Geht es im Westen traditionell im Kern um Fürbitten gegenüber einem Gott für den Verstorbenen, so sind die östlichen Handlungsmuster durch den Dank an den Verstorbenen während seines irdischen Lebens geprägt. Mit dem Tod lösen sich im Osten Körper und Geist voneinander. Der Geist des Verstorbenen bleibt unter uns, eben nur auf einer quasi anderen „Wellenlänge“. Der häusliche Schrein dient seiner Verehrung und bildet den Mittelpunkt der Erinnerung. Demgegenüber ist der Gedanke der Wiederauferstehung, die Bedeutung des Begräbnisortes, des Friedhofs, die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode in einem Himmel über dieser Welt deutlich stärker im westlichen Denken und hier tiefer verankert. Eine Hölle und ein Fegefeuer, bei denen der Mensch für schlechte Taten geläutert wird, gibt es in beiden Kulturkreisen, wie religiöse Darstellungen bei den Trauerzeremonien in Taiwan klar – in Anlehnung an Hieronymus Bosch – zeigten.

Volksreligion und Aberglaube, Buddhismus und Taoismus, konfuzianische Werte lassen sich im Alltagsleben nicht abgrenzen und vermischen sich. Die Vielfalt in der Religionsausübung und spirituelle Vorstellungen überwältigen leicht den christlich geprägten Durchschnittsmenschen aus dem Westen in Taiwan: Der neu errichtete Teil des buddhistischen Zentrums Fo Guan Shan in Kaohsiung irritiert dadurch, dass für ihn die natürliche Landschaft platt gemacht wurde und unkritisch faschistoide Architekturmerkmale durch Größe und Symmetrie aufgenommen werden.

Der Tod kam mit einer nicht mehr heilbaren, schweren Krebserkrankung, die alle Kräfte innerhalb weniger Monate raubte. Als der Zeitpunkt erkennbar war, ging der letzte Weg nach Hause, da es in Taiwan wichtig ist, das irdische Dasein hier und im Kreise der Familie zu beenden. So bemühten sich alle Verwandten schnellstmöglich zu kommen, um sich von der geliebten Person verabschieden zu können. Nach dem Tode durften sich Verwandte und Anverwandte bei ihrer Ankunft nur noch auf Knien dem Sarg nähern.

Von solchen Gesten wurde bei mir abgesehen, da meine Familie grundsätzlich sehr pragmatisch und liberal ist. Es ist eher der soziale Druck und die Erwartungshaltung von Außen, die zu bestimmten Verhaltensanpassungen wie oben beschrieben führt.

Überhaupt geht das Konzept beim Todesfall von einer stark verwandtschaftlichen Abstufung und Geschlechterdifferenzierung aus. Zuvorderst steht der erstgeborene Sohn. Ihm kommt die wichtige Rolle zu, dem Vater nachzufolgen und damit dem Familienclan vorzustehen. Der hat die meisten Pflichten und Entscheidungen zu treffen.

Das macht die Rolle für den zweitgeborenen Sohn nicht einfach. Damit der Erstgeborene, die ihm zugedachte Rolle bestmöglich ausüben kann und seine Entwicklung gefördert wird, ist es zweckmäßig, ihm das Beste zukommen zu lassen. Damit wird die Nummer Zwei notwendigerweise herabgesetzt. Einfacher ist es da schon für den dritten Sohn. Aufgrund der zeitlichen Distanz zwischen den Geburten, sollten dem männlichen „Nesthäkchen“ wieder mehr an Anerkennung und Ressourcen zur Verfügung stehen. Der Druck dem Patriarchen irgendwann nachfolgen zu müssen, ist gering und gibt ihm mehr Freiheiten und Spielräume.

In der Abstufung folgen nach den Söhnen ihre Kinder männlichen Geschlechts, also die Enkelsöhne, hier besonders der älteste Sohn des Erstgeborenen. Dass in dieser Gruppe auch die Enkeltöchter der Söhne berücksichtigt werden, erscheint bereits als neuzeitliche Entwicklung vor dem Hintergrund einer zunehmenden Gleichstellung von Männern und Frauen. Ebenfalls in dieser Einstufung hochgestellt sind die Ehefrauen der Söhne.

Interessant bei der Geschlechterbetrachtung im chinesischen Kulturkreis ist, dass sprachlich nicht zwischen männlich und weiblich unterschieden wird, aber sozial traditionell dem Mann- und Frausein eine große Bedeutung und Wertigkeit zukommt. Wenn auch in Deutschland historisch Frauen sozial immer zurückgestellt wurden, war meines Erachtens eine (Gleich-) Wertigkeit im gewissen Sinne gegeben: In der mitteleuropäischen Wildnis wird jeder Mensch und seine Arbeitskraft gebraucht, um Durchzukommen. Sprachlich hingegen differenziert das Deutsch extrem zwischen weiblich, männlich und sogar sächlich! Aber vielleicht täuscht mich auch meine maskuline Perspektive.

In der sozialen Gruppierung stehen die Töchter des Clanchef grundsätzlich bereits außerhalb des Familienverbandes, da sie sich den Familien ihrer Ehemänner angeschlossen haben. Aber sie teilen immer noch die Gene und ihre Herkunft mit dem Vater.

Während der Trauerzeremonien tragen die vier vorgenannten Gruppen eine besondere Trauerbekleidung: die Söhne und deren Ehefrauen tragen eine Kopfbedeckung und Weste aus hellbraunem Jutegewebe über weißer Kleidung, einem eher sportlichen Sweater mit Hose. Die Töchter und die Kinder der Söhne des Clanchefs tragen über der weißen Kleidung eine Weste aus einem eher gelben einfachen Gewebe. Die Ehemänner der Töchter blieben zunächst bis zum Bestattungstag ohne besondere Trauerbekleidung, deren Kinder gänzlich ohne.

Die Trauerzeremonien finden über viele Tage statt. Während ich in Deutschland die Bestattungsunternehmen im Wesentlichen als althergebrachte Familienunternehmen kenne, war in Taiwan alles über einen privaten Tempel organisiert. Die Chefin und Direktorin des Unternehmens war die Ehefrau des Wunderheilers, der sich zuvor um die Wiederherstellung der Gesundheit des Verstorbenen bemüht hatte. Ihr Neffe und eine Vielzahl von Assistenten managte nun den gesamten Ablauf der Trauer und Bestattung. Das Unternehmen sorgte auch für die drei Priester, respektive Schamanen.

Wie geschrieben werden die Beerdigungsinstitute in Taiwan „Höflichkeitsinstitute“ genannt. Früher hatten sie einen schlechten Ruf. Deshalb wird gesagt, dass heute bevorzugt gutaussehende, adrette und seriös wirkende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt werden. Ihre Erscheinung, etwa mit weißen Hemd und schwarzer Hose beziehungsweise dunklem Kostüm, wirkt sehr westlich geprägt. Da der Tod etwas Schmutziges ist, von dem Orte und Person reinzuhalten oder zu reinigen sind, wird gewiss auch deshalb eine neutrale Bezeichnung für die Bestattungsunternehmen gewählt.

Dennoch bleibt der Verstorbene viele Tage im heimischen Umfeld. Der Sarg wird schnell verschlossen. Eine offene Aufbahrung wie in Deutschland findet nicht statt. Der Sarg war eingehüllt und mit aus Papier gefaltenen Lotusblumen geschmückt. Er stand im hinteren Teil der Eingangshalle des Reihenhauses einer der Söhne. Das Haus wurde aufgrund seiner Lage mit ausreichend Platz im Straßenraum für das später notwendige Trauerzelt gewählt.

Vor dem Sarg war ein Opferaltar aufgebaut, so dass er von Außen nicht sichtbar war. Auf dem Opferaltar thronten drei Götterstatuen. Ein sehr schönes, hinterleuchtetes Portraitbild des Verstorbenen, etwas aufgehellt vor einer verklärten Landschaft, die Taiwans Küste und Berge wiedergab, oben umrahmt von durchschienenen Bambusblättern, im Zentrum des Schreins brachte ihn in die Mitte der Anwesenden zurück und gab ihm Präsenz. Der Tisch war gefüllt mit Gaben und Blumen, Obst und Wasser für den Verstorbenen und einer Schale für die Räucherstäbchen. Rechts vom Schrein standen Schuhe und Kleidung für den Verstorbenen. Im restlichen vorderen Teil des Raumes und vor dem Haus stand seitlich der Blumenschmuck auf säulenförmigen Metalltischen, die von seidengleichen Schals bedeckt waren. Üblich ist, dass der Blumenschmuck jeweils paarweise etwa von Freunden, den Familien der Schwiegereltern der Kinder, Nachbarn, Geschäftspartnern oder auch von den Arbeitgebern der Söhne gegeben wird. So fand sich auch hier der Name meiner Familie an zwei Blumengestecken. Daneben gab es viele Geschenke für den Verstorbenen so in Form von großen Papiermodellen von Häusern und Autos der Marke BMW und Mercedes, die neben dem Sarg aufgestellt waren.

Solange sich der Sarg im Haus befindet, halten Familienmitglieder abwechselnd die Totenwache. Während in Deutschland Fristen zur Bestattung bestehen und alles möglichst schnell geschehen sollte, kann in Taiwan die Zeit des Abschieds und der Totenwache fast nicht lang genug sein.Dies ist die Zeit der Besinnlichkeit, an den Verstorbenen zu denken, Gefühle und alte Geschichten auszutauschen. Die folgenden Zeremonien bieten dafür keine Gelegenheit mehr. Es wird in der gesamten Zeit nur vegetarisch gegessen. Die Angehörigen rasieren sich nicht und lassen die Haare wachsen. Während der Totenwache gibt es keine strengen Regeln für die Bekleidung. Nur Rot ist als Farbe verpönt, da sie Glück und Freude symbolisiert. Dunkle und weiße Kleidung wird bevorzugt, so dass wer den deutschen Gewohnheiten folgt kulturell auch in Taiwan nicht falsch liegt.

Die engeren Familienangehörigen tragen eine kleine Stoffbinde oder mehr einen Anstecker mit einem Stoffstreifen, wenn sie sich in der Nähe aufhalten. Dieser wird abgelegt, wenn sie wieder fortgehen. Das Zeichen der Trauer und damit Nähe zu einem Toten gehabt zu haben, wird von vielen Menschen in Taiwan als unangenehm empfunden und als Nachteil im öffentlichen Leben angesehen.

In den Tagen finden verschiedenste Zeremonien unter Beteiligung der Priester statt. Da der Verstorbene aufgrund seiner Erkrankung viel Medizin einnehmen musst, werden im Ritual sein Körper und Geist von den Qualen gereinigt und vom Leid befreit.

Vor dem Tag der Bestattung wird auf der Straße das große Trauerzelt aufgebaut. Zuvor fanden Danksagungen und Gebete zum Verstorbenen nach einer festgelegten Ordnung für die bestimmten Gruppen, wie Enkel, Töchter oder Söhne, vor dem Schrein in der Eingangshalle des Hauses statt. Mit dem Trauerzelt wurde im hinteren Bereich ein Schrein vor verschiedenen Bilderrollen aufgebaut. Der Platz davor konnten danach für Gebete genutzt werden, wobei jetzt auch die Schwiegersöhne einbezogen und die Zeremonien intensiver wurden.

Von Bestattungsinstitut wurde zudem ein schöner und gesunder weißer Hahn angeliefert. „Der wird gekillt!“, sagte mein Schwager und zeigte mit dem Finger an seinen Hals. Falsch, das schöne Tier überlebte, musste aber – so wurde mir gesagt – bei einer Zeremonie etwas Blut spenden. Die meiste Zeit des Tages saß der Vogel entspannt wie ein Beerdigungsprofi angebunden unter einem Stuhl und erweckte vor allem das Interesse der jüngeren Enkelkinder des Verstorbenen.

Den Auftritt des Hahns verpasste ich, weil zu dem Zeitpunkt am Nachmittag Schwiegersöhne und deren Kinder die Aufgabe hatten, in Massen Opfergeld, scheinbar auch angedeutete Wertpapieren und Aktien vor dem Zelt in einem fassähnlichen Ofen unter Anleitung einer Mitarbeiterin des Bestattungsinstituts zu verbrennen. Das Feuer schlug sehr hoch und entwickelte eine starke Hitze, wohl auch deshalb, weil das fette Papier besonders vorbehandelt ist.

Zum Abend ging es dann an den Ortsrand, um in einem hohen Gittercontainer Säcke gefaltenen Papiergeldes in historischer Form und die Papiermodellen von Haus, Wächtern und Autos sowie die Kleidung der Verstorbenen zu verbrennen und ihm so zukommen zu lassen.

Die Trauergäste standen in einem Kreis um den Feuerplatz und waren durch ein weißes Band verbunden, dass die in den Händen hielten. Der älteste Sohn des Verstorbenen hatte einen Fetisch, einen Stab, an dem eine Art Lampenschirm und anderes befestigt war. Im Laufe der Zeremonie wurde der Feuerplatz mehrmals gemeinsam umschritten, bis alles abgebrannt war.

Kommentare:

  1. Beeindruckende Schilderung. Habe übrigens meine Links in dem alten Artikel repariert, jetzt ist er wieder in allen Teilen zu lesen, wenn sich jemand das antun will.

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  2. Ludigels Artikel war schon damals äußerst lesenswert und zeigt wie vielfältig und fremdartig, fast schon schockierend, die Bestattungskultur für uns in Taiwan ist. Wenigstens passiert das nur selten, Gott sei Dank. Es wird Zeit mal wieder etwas Positives zu erleben, vielleicht eine Hochzeit? Wofür hat Luo You denn so viele Nichten und Neffen im passenden Alter? ~~~ Merkwürdig, immer noch weigert sich meine Bloglist auf den http://osttellerrand.blogspot.de umzuschalten.

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