Donnerstag, 30. April 2015

Sakura in Bonn

Und vergängliche Schönheit am Sonne-Mond-See

Es gibt Orte in Europa, die bei vielen Asiaten hoch attraktiv und bekannt sind, aber von der durchschnittlichen westlichen Bevölkerung selber kaum wahrgenommen werden. So erging es mir, als ich auf Betreiben meiner Frau vor etlichen Jahren den Löwen von Luzern in der Schweiz besuchte. Busse voll mit Japanern, Koreanern, Chinesen, Taiwanern und und und steuern täglich dieses Ziel zum Besichtigen und Fotografieren an.

Das gilt auch für die Heerstraße in Bonn. Während der Kirschblüte in diesen Jahr hat die beste Ehefrau von allen im Strom der Besucher eine der vermeintlich schönsten Straßen der Welt bewundert. In der Tat ist das Frühjahr mit explodierenden Blüten, sich entfaltenden Blättern und frischem Grün sowie hervorschießenden Pflanzen die beeindruckendste Jahreszeit in unseren Breiten. Die kurze Zeit mit überbordenden Farben und Düften macht uns klar, wie vergänglich das Leben und wie schnell Lebenszyklen sind.

Einen Lebenszyklus scheint es auch beim Toilettenhaus im Toskana-Landhausstil am Sonnen-Mond-See zu geben, wie mir beim kürzlichen Vergleich von Fotografien aus verschiedenen Jahren auffiel. 2003 waren das Gebäude und seine Umgebung fast perfekt, um eine mediterrane Illusion aufzubauen. Aber was ist aus dem vermutlich schönsten Klohäuschen Taiwans geworden, was ich im Blog mehrmals anpries?

Schon etwas verblasst ist die Schönheit im Jahr 2007. Der markante Stein mit den chinesischen Zeichen „Sonne Mond See‟ wurde übrigens später zum Streitpunkt chinesischer Touristen, die nach der Öffnung Taiwans für den Reiseverkehr die Insel überfluteten. Tausende von ihnen und nur ein Stein als Fotorequisite und als beschriebener Beleg, für den Reiseort an dem sich der Fotografierte befindet, ging nicht auf. So hat die Verwaltung heute an vielen Orten rund um den See solche Steine aufgestellt, um den Urlaubern einen möglichst konfliktfreien Aufenthalt zu ermöglichen. An besonders stark frequentierten Orten erleichtern zudem Leitbänder die Orientierung zum Anstellen zur Fotoaufnahme.

Im Januar 2015: Zum Fotografieren für ein hübsches Urlaubsbilder ist das eigentlich nicht mehr geeignet. Was kann jetzt noch an Niedergang kommen? Läuft das Café gut, wird der Besitzer irgendwann entscheiden, das Gerümpel zur Seite zu schieben, sein gesamtes Ensemble von Bänken, Tischen, Stühlen, Sonnenschirmen und Anbauten an das WC-Häuschen einschließlich des Gebäudes selber niederzureißen und durch ein massives Gebäude zu ersetzen. Läuft das Geschäft schlecht, passiert das gleiche, aber es wird danach ein protziges Hotel mit Geschäften und Restaurants im Erdgeschoss errichtet. Obwohl es so aussieht, als wäre alles zugestellt: Der Weg ist geebnet, diesen ehemals freien und öffentlichen Raum, erhaben über dem Sonnen-Mond-See, der kapitalistischen Profitgier weiter preiszugeben. Schade, dass dies ohne Not, wie auch ohne Sinn für die Schönheit des Ortes und seiner Umgebung geschieht.

Wie die Frühjahrsblüten so kann auch die Schönheit von Plätzen vergehen. Anders als die herrlichen Farben und Düfte, die jedes Jahr wieder kommen, ist aber für den kleinen Park über dem See zu befürchten, dass der degenerative Bauprozess eben nicht in einen Zyklus mündet, sondern unumkehrbar tief nach unten geht.

Sonntag, 26. April 2015

Kano in Düsseldorf

Begegnung mit Taiwans Filmkunst

Wei Te-Sheng, der Regisseur der Filme „Cape No. 7‟ und „Seediq Bale‟ sowie Produzent und einer der Drehbuchverfasser des Baseball-Epos Kano, besuchte Düsseldorf heute anläßlich der Aufführung des letzgenannten Werks und präsentierte sich der Öffentlichkeit.

Internationales Flair und reichlich Betrieb in Düsseldorfs beliebter Babbelteestube „BoboQ‟. Sherman Laobon hatte gut zu tun, wofür auch das schöne Aprilwetter der letzten Wochen sorgte. Er verkaufte die Kinokarten für „Kano‟, daher ist Filmposter im Hintergrund zu sehen.

Glück gehabt, denn die beste Ehefrau von allen konnte im „BoboQ‟ noch zwei Tickets für die Aufführung von „Kano‟ erwerben.

Der UFA-Palast in Düsseldorf wartet auf fast 300 am taiwanischen Film interessierte Menschen. Als die Vorsitzende des Taiwanvereins die Stimmer erhob und auf Mandarin begrüßte, fragte mich mein Sitznachbar, der nette Herr mit Gesichtstätowierung, der seinen Hut mit Totenkopfsticker so auf die Balustrade gelegt hatte, dass für mich fast das untere Viertel der Leinwand verdeckt war: „Äwenndjerr in deutsch?‟. „Wie bitte? Nein, Kano in Japanisch, Taiwanisch, Hakka und Ureinwohnersprachen mit englischen Untertiteln.‟ „Kino 7?‟ „Nein hier ist Kino 6. Die 7 ist nebenan.‟ Er sprang auf, nahm Hut und Mantel und verschwand rennend. Statt des Totenkopfmanns erschien Sekunden später als Sitznachbar ein befreundeter Musiker taiwanischer Herkunft. Wieder Glück gehabt!

Freie Sicht auf den Meister. Wei Te-Sheng wünscht dem Publikum angenehme Unterhaltung mit dem von ihm produzierten Film.


Zum Film selber hat bereits Klaus Bardenhagen geschrieben, wobei er in seinen Ausführungen die Rolle des japanischen Ingenieurs Yoichi Hatta herausstellt. Interessant finde ich seinen Vergleich der taiwanischen Baseball-Geschichte mit dem „Wunder von Bern‟. Sicherlich muss der Erfolg des Teams von der Insel Taiwan, aus der südlichen Provinzstadt Kagi, heute Chiayi, damals für die Menschen eine ähnliche Wirkung gehabt haben.

Taiwan ist vernarrt in Baseball und das wohl nicht erst mit dem Auftreten der US-Amerikaner in der Region nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Die Leidenschaft geht bis in die japanische Kolonialzeit zurück.

Meine Frau empfand die Geschichte als sehr japanisch, der Durchhaltewille, der Zusammenhalt und die Moral, die zum Tragen kommt. Mit europäischen Augen fällt es etwas schwerer die Multiethnik zu verstehen, die der Film als eine Botschaft haben soll. „Das sind doch alles Asiaten‟, denkt Luo You. Japaner, Han-Chinesen, Hakka und Ureinwohner sind mit platten westlichen Blick kaum zu unterscheiden. „Anders rum genauso‟, erwidert die beste Ehefrau zu Luo You. „Manche deiner Verwandten könnten mit ihren schwarzen Haaren, braunen Augen und dunkleren Haut auch als Türken durchgehen.‟ Überhaupt war es schwierig, meiner Frau in den ersten Jahren den (visuellen) Unterschied zwischen Altdeutschen und Zugewanderten zu verdeutlichen.

Mit der Geschichte des Baseball-Teams von „Kano‟ (als Abkürzung von „Kagi Agriculture‟) wird aus meiner Sicht wieder versucht, das Besondere und Eigenständige der taiwanischen Gesellschaft herauszuarbeiten. Baseball, die japanische Kolonialgeschichte und die, wenn auch erzwungene, Teilhabe der Bevölkerung auf Seiten Japans im zweiten Weltkrieg, eine Vielfalt von Sprachen, dem das Mandarin nicht fehlte, um sich zu verständigen, sind Eigenschaften, die Taiwan von China absetzen. Genauso werden Fakten gezeigt, womit sich Taiwans Bevölkerung von Japan distanziert, wie der Volksglaube, das soziale Zusammenleben und die subtropische Agrargesellschaft mit ihren besonderen Nöten, Wünschen und Ergebnissen. Insofern wird von den Filmemachern ein neuer protaiwanischer Kultur-Baustein gesetzt.

Aber es ist auch ein bischen „Hollywood‟, wenn die Guten gegen die Bösen kämpfen. Diskriminierung aufgrund der unterschiedlichen Herkunft unterliegt am Ende. Rohe Gewalt beugt sich dem edlen Kampf auf dem Baseball-Feld. Teamgeist schlägt den Eigensinn. Das mögen wir. Und so vergehen relativ kurzweilig über drei Filmstunden.

Danach gab es noch Gelegenheit zum Gespräch mit dem Meisterregisseur, Signieren von Autogrammkarten, mitgebrachten DVDs oder für gemeinsame Fotos.

Diese Gelegenheit zum Fotografieren und Signieren haben wir gerne genutzt. Nach Steven Spielberg (als Statist bei den Dreharbeiten zu „The Last Crusade‟ in Spanien), Christoph Schlingensief (Volksbühne Berlin) und Berengar Pfahl ist Wei Te-Sheng nunmehr der vierte und gewiss der unauffälligste Filmregisseur, dem ich in meinem Leben Gesicht-zu-Gesicht gegenüber gestanden habe. Jedenfalls tragen jetzt unsere DVD-Schachteln seine Signatur.

Donnerstag, 2. April 2015

Secretos de Porco

plus „Pay two, get one‟

In gewisser Hinsicht geht den europäischen Mittelmeerländer das Vorurteil voraus, die Dinge nicht ordentlich geregelt zu bekommen. Die großen Jahrhunderte der Seefahrernationen Spanien und Portugal, was immerhin Formosa den Namen gab, sind längst vorbei. Vom Reichtum aus dem Handel mit Indien und der Ausbeutung Südamerikas ist wenig übrig geblieben.

Die konservativ-autoritäre Diktatur Salazars, der Isolationismus und die teuren Kolonialkriege Portugals, die Phasen der Neuorientierung nach der Nelkenrevolution 1974 und der nachfolgende Demokratisierung haben sicherlich zuletzt dazu beigetragen, dass Portugal in der sozialen und ökonomischen Entwicklung zurückfiel.

Rückfahrt nach dem Ausflug zum Westtellerrand der Erde mit der Straßenbahn über Colares nach Sintra: Gefordert ist in Portugal das klare Handzeichen, um das Verkehrsmittel anzuhalten und jede Verwechselung mit einem fotografierenden „Tramway Spotter‟ auszuchließen. Die antike Tram ist heute nicht mehr ein unverzichtbares Verkehrsmittel in einem rückständigen Land. Sie ist schon längst zur Museumsstraßenbahn geworden, die von den Portugiesen zum Erhalt ihres technisch-kulturellen Erbes finanziert werden kann.

Insbesondere durch die europäische Integration sowie die Chancen als Brückenkopf nach Südamerika und Afrika hat das Land aufgeholt, auch wenn Armut und Depression, Verfall und Ungleichheit weiter bestehen und partiell noch wachsen dürften.

Diese Widersprüche reflektiert auch die Hauptstadt Lissabon. Um die alten Stadtviertel hat sich ein Ring von neuen hochverdichteten Vorstädten, Einkaufs- und Arbeitsplatzzentren sowie Autobahnen und Schnellbahnen gelegt, wie es sie auch in Taipei oder Berlin gibt. Dennoch hat Lissabon viel Einmaliges und Eigentümliches, dass den Besuch und auch die Wiederkehr lohnt.

Die steilen Hügel der Altstadt und die Vororte nach Westen werden von den Straßenbahnlinien der Verkehrsgesellschaft „Carris‟ erschlossen. Die meisten Linien der Straßenbahn werden von modernisierten zweiachsigen Elektrotriebwagen befahren. Die technische Modernisierung liegt nun immerhin auch schon zwanzig Jahre zurück. Allein auf der Linie 15E nach Belém und Algés im Westen fahren Niederflurgelenktriebwagen, die 1995 als erste Neubeschaffung nach 1964 erworben wurden. Als historische Monumente bestehen zudem drei Standseilbahnen in der Innenstadt, die der durchschnittliche Fußgänger in wenigen Minuten ablaufen kann.

In stärkerem Maße bedeutsam für die Wirtschaftsentwicklung Lissabons und die Mobilität der Bevölkerung sind als Massenverkehrsmittel die elektrischen Vororteisenbahnen, quasi S-Bahnen, die Untergrundbahnen und verschiedenen Buslinien. Daran, wo sich die Linien mit Passagieren füllen und leeren, wird schnell erkennbar, dass die Altstadt nicht mehr der Impulsgeber für das moderne Lissabon sein kann. Die schmalen Gassen, engen Straßenräume und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten schränken zu sehr ein.

Wer beim zufälligen Straßenbahntrip mit der Altstadtlinie 28 vom „Palácio da Assambleia Nacional‟ nach „Martim Moniz‟ fünfmal erlebt, wie die Schienen mit Autos und Lieferwagen ohne Respekt zugeparkt werden und der Straßenbahnfahrer dann nur wartend auf die Bimmel hauen kann, sieht wieweit diese Strukturen vom modernen Wirtschaftsleben entfernt sind.

Längst „spielt die Musik‟ diesbezüglich im Gürtel um Lissabon und den Achsen nach Casceis, Sintra und Oriente. Ob hier der Ausbau insbesondere der Metro und weiteren technischen wie auch sozialen Infrastruktur angesichts der finanziell nötigen Aufwendungen und dem Sparzwang andererseits mithalten wird, ist fraglich.

Erkennbar ist, dass nach den vielen Investitionen in den 1990er Jahren, sich der Staat in den letzten Jahrzehnten einer neoliberalistisch orientierten Wirtschaftspolitik entsprechend mehr Zurückhaltung verordnet hat – mit den bereits beschriebenen Folgen eines Auseinanderdriftens in der Gesellschaft zwischen Armut und Reichtum (Wer kann sich einen Zooeintritt von 19 Euro leisten?), zwischen städtebaulichen Verfall und Boom, wirtschaftlicher Zukunftslosigkeit und Konzentration des Kapitals.

Statt Zoobesuch Entenfüttern im Park: Die frei zugänglichen öffentlichen Gärten sind Dank der tierliebenden Lissaboner mit Federvieh übervölkert und an einigen Stellen ziemlich zugeschissen. Gut, dass es bisher fast nur Tauben und Enten sind. Gänse, die etwa den Köbogen in Düsseldorf übernommen haben, koten dicker.

Akrobatik zur Einkommensverbesserung an der Autobahnausfahrt: Rechtzeitig vor der Grünphase klopft die Darstellerin an die Scheiben, um einen kleinen Obulus für ihre Vorführung zu erbitten. Immer noch besser als angebissene Hamburger in der „Food Mall‟ des nächsten Einkaufszentrums zu suchen oder sich zu prostituieren, dachte Luo You, wobei ihm auch die Pfandflaschen einsammelnden Rentner und Hartz-IV-Empfänger aus Deutschland in den Sinn kamen.

Internationale Handelsketten in Lisbonner Hausruinen: Der Eingang mit dem kleinen Schild „LIDL‟ ließ eine aus der Zeit gekommene Kolonialwarenhandlung erwarten. Innen überraschte das Geschäft nicht nur mit einem zeitgemäßen Ausbau und einer Großflächigkeit entsprechend den deutschen Filialen. Vielmehr bot es auch ein hervorragendes Angebot von portugiesischen Weinen, regionalen Spezialitäten, Meeresfrüchten und Fischen, wie dem berühmten Stockfisch, dem „Bacalhau‟.

Bei soviel Stock... äh Haifischkapitalismus und sozialen Themen ist auch der Tourist gefordert besonders aufzupassen, nicht nur auf die Taschendieben, vor denen in Aushängen durch Straßenbahnen oder in allen Reiseführern gewarnt wird. Touristenfallen können an jeder Ecke aufgestellt sein. Dass bei den Spaniern schon mal etwas beim Organisieren, Frühstück machen oder Rechnen durcheinander gerät, ist dem Autor aus eigener Reiseerfahrung durchaus bekannt. Aus den Lusitaniern sind wir nicht so richtig schlau geworden. War es nur ein einfaches Verrechnen zu unseren Ungunsten? Zu oft passierte dies in den wenigen Tagen. Das unbestellte Vorspeisen bezahlt werden müssen, kannte der Autor dieser Zeilen schon aus früheren Jahren in Italien. Da wird zum Teil saftig zugeschlagen. Nette Restaurants weisen in Portugal darauf hin.

Bestellt und erkennbar auf dem Tisch sind eine Suppe, eine Quiche mit Salat, eine einfache Quiche, ein Milchkaffee und ein Wasser.

Die „Secretos de Porco‟, die Geheimnisse des Schweins auf der Rechnung werden für immer ein Geheimnis bleiben. Erst nach dem Verlassen des Bistros in der Nähe der Lissaboner Burg „Castelo de São Jorge‟ und dem innerlichen Nachrechnen stellte ich den ungerechtfertigten Zuschlag von 9,40 Euro fest, den ich mir natürlich zurückgeholt habe. Angeblich waren die schweinischen Geheimnisse noch vom letzten Kunden ein offener Posten in der Kasse. Ohne Getränke und Extras?

Na jedenfalls haben wir seitdem die Rechnungen besser überprüft.

„Pasteis de Nata‟ am „Tejo‟: Im Einkaufszentrum „Vasco da Gama‟ war die Rechnung für die „Pasteis‟ richtig, aber Inhalt in der Tüte falsch. Nur einen „Pasteis de Nata‟, ein portugiesisches Vanilletörtchen gab es im Einkaufszentrum. Zwei waren bestellt, zwei wurden bezahlt. In der Tüte fand sich aber nur ein aufgewärmtes Törtchen wieder. Also wieder zurück und das zweite abgeholt.

Die Häufung solcher Vorfälle, von denen hier nur zwei beispielhaft dargestellt sind, war schon auffällig, aber kann natürlich durchaus nur reiner Zufall gewesen sein. Immerhin gibt es auch gute Erlebnisse.

So in Belem: Während die Törtchen im Laden besorgt werden, können die Ehemänner draußen mit den Digitalkameras spielen und die Schönheiten des Landes fotografieren.

6 „Pasteis der Belem‟ bezahlt, 6 außergewöhnlich leckere „Pasteis de Belem‟ (nicht zu süß, sehr knusprig, alles in den richtigen Proportionen) bekommen, dazu noch in einer schönen Verpackung und Originaltüte mit der Aufschrift „Pasteis de Belem‟. Der bekannte Laden ist wirklich zu empfehlen, wobei der Preis trotz Berühmheit der Bäckerei im Rahmen dessen lag, was auch im Einkaufszentrum gefordert wurde. LIDL war billiger (0,39 Cent / Stück). Deren „Pasteis de Nata‟ haben uns gut geschmeckt haben. Sie waren nach unserem Geschmack deutlich besser als die aus dem Einkaufszentrum.

Faire Rechnung, landestypische Mengen im Restaurant so wie in Deutschland, gutes rustikales portugiesisches Essen, tolle Beratung und Empfehlungen durch die Bedienung: das Restaurant Valbom in der Avenida Conde de Valbom 112 kann ebenfalls weiter empfohlen werden.

Überraschung am Ende: Bei der Sicherheitskontrolle des Flughafen Lissabon galt es die Wanderschuhe auszuziehen und im Röntgengerät durchleuchten zu lassen. Ersatzweise gab es Fußpräservative für den Weg durch den Metalldetektor. Dies sorgte aber zunächst für Irritationen, wenn die Wanderschuhe abgegeben werden müssen und stattdessen zwei blaue Duschhauben angeboten werden. So gab es viele Erst- oder Einmaligkeit in diesem so abseits gelegenen und bisher so unbekannten Land am westlichen Tellerrand.

Dienstag, 31. März 2015

Am Westtellerrand

Und warum ich buntes Klopapier kaufen wollte!

Zumeist finden sich diesem Blog Geschichten vom Osttellerrand der früher bekannten Erde. Vor wenigen Tagen gab es die Chance, die Welt vom christlichen Westtellerrand aus zu betrachten. Eigentlich liegt Portugal ja außerhalb des Blickfeld durchschnittlicher Mitteleuropäers.

Nach Lissabon fahrt ihr, liegt das nicht in Spanien, fragt die Mutter Luo Yous. Nein, Mama, das ist die Hauptstadt Portugals. Was ist Portugal? Und so mahnen die Reiseführer gleich, da doch viele Deutsche Spanien kennen und zumindest einige auch Kastilisch gelernt haben können, die Portugiesen nur nicht mit Spaniern gleichzusetzen.

Während die Griechen sich so bockig zeigen, dem kapitalistischen Dogma der starken Wirtschaftsnationen zu folgen und damit in den lokalen Breiten wahrgenommen werden, scheinen sich die Portugiesen ihrem Schicksal zu fügen. Auch sie sind offenbar in die europäische Förder- und Kreditfalle geraten. Der Immobilienmarkt wirkt mit einer Vielzahl von Ruinen in der Hauptstadt, Ghettobildung, Spekulationsobjekten, hohen Preisen an den Aushangtafeln der Maklerbüros und Luxussanierungen in erneuerten Gebieten desaströs. Die öffentliche Armut ist erschreckend, so wenn sich Menschen die Reste von Hamburgern in den „Food Malls‟ der Einkaufszentren von den Tischen holen oder traurige Senioren Touristen irgendwo in der Hauptstadt ansprechen, um zu betteln und etwas Geld zu erhalten.

Schon mit Riß und noch kleinen Rechtschreibfehler, aber immmer noch werbewirksam in Portugal ist die Plakattafel.

Aber nicht nur das Leiden sondern auch die Liebe und Gefühle werden herausgestellt.

Statt der immer noch verhaltenen Papiererotik am Osttellerrand sind auf fast jeden Platz und an vielen Ecken knutschende Paare zu sehen, welche die Öffentlichkeit an ihrer Zuneigung teilhaben lassen wollen und zeigen, wie es zwischen ihnen knistert.

Auch das Strandleben zeigt Reize. Noch ist Vorsaison in Casceis. Junge Kindergärtnerinnen genießen das Sonnenbad im März, während die schutzbefohlenen Kinder etwa 30 Meter entfernt umzäunt im Sand spielen können. Vielfach lassen sich brasilianische Einflüsse auf das ehemalige Mutterland Portugal feststellen. Bei der schon attraktiven Bademode dürften diese gerne noch etwas ausgeprägter sein. Dabei ist zu beachten, dass die Aufnahme im kühleren März gemacht wurde und die Strände insgesamt noch kaum besucht waren.

Ankunft am christlichen Westtellerrand, dem „Cabo da Roca‟, mal ein anderes Ende der Erde nach so viel Pazifik in den vergangenen Jahren. Für 11 Euro gibt es eine Urkunde, die bestätigt, dass man dort gewesen ist und sich zumindest für den Zeitpunkt, zu dem ich dort war, bei Asiaten großer Beliebtheit erfreute.

Für den sparsameren Menschen reicht das Erinnerungsfoto vor der Säule mit Kreuz am westlichsten Punkt des Kontinents.

Zurück in der Zivilisation: Renova-Klopapier-Promotion nicht nur auf den Türen der Flughafentoilette in Lissabon sondern auch am Eingang des Einkaufszentrums „Vasco da Gama‟, das gegenüber dem Fernverkehrsbahnhof Oriente am Gelände der Weltausstellung „Expo 1998‟ liegt. Ich sehe auf dem Foto nur ein Argument, darüber nachzudenken, Rollen von leuchtend durchgefärbten Toilettenpapier zu erwerben.

Weiteres Bemerkenswertes zum Volk der Lusitanier folgt in Kürze.

Samstag, 28. Februar 2015

Der grüne Pass

Oder besser unauffällig der Norm folgen!

Dies war eine Erfahrung, die ich nur einmal in meinem Leben gebraucht habe. Sie hat mich fast 1000 Euro, drei Ferientage in Taiwan, ein verpasstes Sylvester-Dinner und ein verloren gegangenes Neujahrsfeuerwerk in Kaohsiung gekostet.

Luo You wurde am 29. Dezember 2014 nicht in den Flieger nach Taiwan gelassen, weil sein Pass nicht mehr die Mindestgültigkeitsdauer von 6 Monaten hatte. Vom 29.12.2014 bis zum 31.05.2015 sind eben keine 6 Monate, sondern nur 5 Monate und 2 Tage. Es wird tagegenau abgerechnet. Dass ich schon Mitte Januar 2015 zurück wollte, war unbedeutend. Das der für 10 Jahre Gültigkeit bezahlte Pass dann nur 9 Jahre, 6 Monate minus einem Tag zu gebrauchen ist, interessiert niemanden.

Völlig sinnlos ist es, beim „Online-Check-In" alle Daten von Personalausweisnummer bis Gültigkeitsdatum anzugeben und sich den „Boarding Pass" auszudrucken. Es gibt im „Online"-Verfahren keine Warnung, keine Zurückweisung, wenn die Gültigkeitsdauer des Passes nicht ausreicht. Eigentlich berechtigt der „Boarding Pass" dazu, direkt ins Flugzeug zu gehen. Nur noch am Gate könnte der Passagier abgefangen werden, wenn er nicht vorher beim „Baggage Drop" kontrolliert würde. Mit dem zu Hause ausgedruckten „Boarding Pass" geht der Passagier sogar das Risiko des „No Show" und dem Verlust eventueller Umbuchungsmöglichkeiten oder Rückerstattungen ein.

Eigentlich könnte der Hinweis schon beim Internet-Kauf des Flugtickets auf die (mangelhafte) Gültigkeitsdauer des Reisespasses kommen. Da werden nämlich auch schon die Passagierdaten eingegeben. Aber nichts kommt. Sind die traditionellen Reisebüros hier besser aufgestellt?

Natürlich, der mündige Bürger hat sich stets über alle Gesetze einschließlich der ausländischen seines Reiseziels zu informieren. Mea culpa! Mea culpa!

So ein Fall scheint am Frankfurter Flughafen öfter vorzukommen. Als Hilfsstellen für den Inhaber eines für das Ausland ungenügenden deutschen Passes gibt es die Bürgerämter der Frankfurter Umlandgemeinden, wie Hofheim im Taunus oder angeblich auch Kelsterbach. Noch waren es über zwei Stunden bis zum Abflug. Der Taxifahrer kannte des Problem, er kannte Hofheim. Für die genaue Adresse und zur Sicherheit, ob das Bürgermeisteramt geöffnet hat, rief er an. Ja, das geht. Ein neuer Pass mit Gültigkeit eines Jahres kann ausgestellt werden. Voraussetzung, so die Mitarbeiterin des Bürgeramtes, ist, ein Fax mit quasi dem Auftrag und der Bestätigung der Heimatbehörde, mir einen Pass auszustellen. Als ob mein alter, nicht mehr ganz 6 Monate gültiger Pass nicht ausreicht! Lichtbild, ja habe ich dabei. Nein, biometrisch muss nicht sein. Brückentag bei der Heimatbehörde? Nein, kann ich mir nicht vorstellen. 29. Montag, 30. Dienstag und erst Mittwoch am 31., Sylvester, ist bei den Behörden frei. Da ist keine Brücke zu bauen und im Übrigen hätte ich auch arbeiten müssen, wenn ich nicht Urlaub genommen hätte.

Ich sitze im Bürgeramt. Der Taxifahrer wartet davor in seinem schönen Benz auf dem vereisten, morgendlich kalten Rathausplatz des Ortes im „urban sprawl" vor Frankfurt. Drei Mitarbeiterinnen und ihre Chefin kümmern sich im wesentlichen um noch nicht abgehobene Flugpassagiere. Eine halbe Stunde dauert das etwa, prophezeite der freundliche Taxifahrer mit Migrationshintergrund. Schaun wir mal sagte ich. Im Bürgermeiseramt versucht die Verwaltungsmitarbeiterin die Telefonzentrale meiner Heimatstadt zu erreichen. Nur ein Anrufbeantworter. Die haben bis zum 3. Januar geschlossen. Wie? Da ist fast mein halber Urlaub um, das geht nicht. Wie können die nur? Gut, dass ich meinen Bürgermeister kenne. Rufen sie den an, bitte ich. Schnell googlet sie die Telefonnummer. Der schläft noch oder ist auf der Jagd oder sonst was, denke ich. Mehrere Anrufversuche scheitern.

Alles verhandeln nutzt nichts. Ohne Fax und Order aus meinem Heimatdorf kein Pass. Etwas von 110 Euro höre ich mit einem halben Ohr vom Nachbartresen fallen für den länger gültigen Sofort-Pass als Gebühr - erkennbar mit Top-Zuschlag - an. Wow!

Nach einer halben Stunde bin ich wieder am Taxi – ohne Pass! Wieder zurück, sage ich traurig zum Taxifahrer und „Scheiss deutsche Bürokratie!" Jetzt geht’s wieder darum, am Flughafenschalter zu überzeugen und zu verhandeln. Aber erstmal über 60 Euro fürs Taxi abdrücken. Flughafentarif, denke ich mir. Da kann ja der nette Taxifahrer nichts für, der wieder an die endlos lange Schlange anderer wartender Taxis aufschließt.

Womit keiner gerechnet hat, ich bin wieder zurück am Flughafen und immer noch ohne den mehr als 6 Monate gültigen, neuen Reisepass. Wieder zum Flughafenschalter, diesmal ein anderer Abfertigungsmitarbeiter. Oh, der Pass ist nicht mehr ganz 6 Monate gültig, nach Kaohsiung naja (Die Idee, dass es an so einem Kleinflugplatz keiner auf solche Feinheiten achtet, klingt irgendwie an.) … wie die „Airline" hat schon entschieden? Na, dann geht nichts mehr. Nein, Frau General von der „Airline" lässt sich nicht erweichen. Die Fluggesellschaft muss für die Fälle einer unzureichenden Passkontrolle eine Strafe zu zahlen, sagt der Flughafenmitarbeiter zu uns. „Was kosten?" Auf unsere Frage lässt sich niemand ein. Frau General sagt auf chinesisch der besten Ehefrau von Allen, dass es einfach wäre bei zu kurzer Gültigkeitsdauer des Passes über die taiwanische Vertetung in Deutschland ein Visum zu bekommen. Tja, wenn „Online-Buchung" oder zumindest „Online-Check-In" hier Hinweise gegeben hätten. „Hätte, hätte, Fahrradkette" nach Peer Steinbrück. Gab es aber nicht.

Wenigsten wurde mein Koffer noch mitgenommen. Der passte noch kilomäßig auf das Gewichtskonto meiner beiden Mitreisenden.

Während Ehefrau und Mutter in die Hartschalensessel beim Start gepresst wurden, döste Luo You im IC von Frankfurt nach Köln mit leichtem Gepäck und Deutschland als Wintermärchen hinter dem Fenster. Ein Alptraum!

So traumatisiert folgte zu Hause der Eigenversuch. Zunächst blicke ich auf die Rathaustür beim Fußweg vom Bahnhof. „Geschlossen bis zum 3. Januar" geht gar nicht! Dann folgt mein Anruf ins Rathaus hinein. Für Notfälle verweist der Anrufbeantworter auf eine Rufnummer bei der Feuerwehr. Klar ist das ein Notfall. Hatte die Mitarbeiterin im Bürgeramt in Hofheim nicht zu Ende die Ansage abgehört? Das ist doof. Also kommt der Anruf zur Durchwahlnummer bei der Feuerwehr. Ja, für mich gibt es einen Notdienst. Ich brauche ein biometrisches Passbild, Kosten etwa 10 Euro fürs Bilderset, etwa 30 Euro für die Passgebühr und natürlich den noch gültigen Pass. Für mich wird ein Notdienstteam zusammengestellt. Der Ehemann der Rathausmitarbeiterin, der mich zurückruft, sagt, dass seine Frau noch unterwegs ist und mich ein paar Minuten später anrufen wird. Das macht sie auch. Wir vereinbaren einen Termin um 17 Uhr. Vorher gehe ich zum Fotografen und Lebensmittel einkaufen. Der Kühlschrank ist urlaubsleer. Dazwischen ist noch Zeit für einen Döner und zum Ausheulen beim türkischstämmigen „Laoban" in meinem alten Stammlokal.

Um 17.30 Uhr bin ich wieder mit einem antiquiert wirkenden, rein deutschen und grünen Reisepass zu Hause sowie einem ungültig gestempelten, eigentlich noch bis Mai gültig gewesenen europäisch-deutschen, weinroten Reisepass in der Wohnung. Da hatte sich schon fast der Rückfahrt gelohnt bei 110 Euro Passgebühr, die in einem fremden Bürgermeisteramt angefallen wäre. Dafür hätten sie aber aber auch meine uralten Portaitfotos für das Passprovisorium genommen. Im Heimatdorf geht nur biometrisch: „Mit den anderen kommen Sie nicht weit."

Der Pass für den Europakritiker, Ablehner europäischen Gedankenguts und Anhänger der AFD. Grün wie die Hoffnung und deutsch wie die D-Mark. Fuck Europe! Leider ist der Nostalgie-Pass nur ein Jahr gültig. Meine Fingerabdrücke musste ich beim Merkel-System noch abdrücken. Und nichts dazu in der Lügenpresse! Ihr treibt mich noch in die Hände der Piraten, ihr menschenverachtenden Bürokraten!

Jetzt ein neuer Sitzplatz im Flieger. Verdammt, das Büro der „Airline" in Deutschland schließt um 17.30 Uhr. Da ist keiner mehr. Dem Online-Reisebüro ist das Ganze schwer zu erklären. „Warten Sie bis morgen", ist die Empfehlung. Will ich aber nicht. Ich will nach Taiwan. „Sie können auf zum Hauptsitz der Airline anrufen." Aber Taiwan schläft jetzt, denke ich. Außerdem gabs schon am Flughafen die Information, dass an den nächsten Tagen in deren Flugzeugen nichts frei ist. Also Email an die Ehefrau, die noch im Flieger über Sibirien sitzt. Und ein Hinflugticket einer anderen Fluggesellschaft, 500 irgendwas Euro. Hier ist es kalt, Taiwan ist warm. Alle sind in Taiwan, ich bin hier alleine. Ich will weg aus Deutschland.

Ein Tag Hausarbeit mit Putzen, Waschen, Pflegen, dann geht es wieder mit Rucksack nach Frankfurt.

Hin zum Airport geht es wieder mit dem schnellen ICE und dem „Rail & Fly"-Ticket.

Der „Boarding Pass" ist genau wie beim ersten Anlauf ausgedruckt. Jetzt kann nichts schief gehen und prima, damit kann ich direkt zum Gate. „Gate" geht aber nicht, weil das „Gate" auf den Bildschirmtafeln nicht angezeigt wird. Also frage ich am Check-In-Gepäckschalter.

„Wie kein Koffer?" Der ist schon in Taiwan, sage ich artig und denke, was für eine Verschwendung auf mehr als 20 kg Fluggepäck zu verzichten. Alles wird aufgenommen und geprüft. Als ich mich nun auf den Weg mache, höre ich hinter mir, „Herr Luo, Herr Luo!" Der netten, mir hinterherlaufende Dame von der Fluggesellschaft war spät aufgefallen das ich nur ein Hinflugticket habe. Irgendwie hatte ich das alles schon geahnt, als ich meine Ehefrau nötigte mir auch ein E-Ticket auszudrucken. Die beste Ehefrau von Ehefrau meinte, dass sie schon eins ausgedruckt hat, was reicht, und außerdem wäre es sowieso ein E-Ticket, was elektronisches Ticket heißt. Da braucht es kein Papier. Nun war ich froh, das Papier zu haben, um meine Rückkehrwilligkeit nach Deutschland einfach nachweisen zu können. So ist das in dieser Übergangsgesellschaft. Hinter jeden E steckt doch ein Stück Papier.

Knapp war die Zeit zum Umstieg in Hongkong. Aber die Route gefällt mir seit dem Erlebten deutlich besser.

In der Warteschlange vor dem Abflug nach Kaohsiung wurden Tickets und Pässe vorgeprüft. „No visa?", frug die kleine Angestellte. „No visa!", sagte der fast 1,85-cm-Mann aus dem nördlichen Europa. Ich stieg in den Flieger ein.

Die Spannung stieg. Wie werden die Vertreter der Taiwan-Behörden auf den deutschen Nostalgie-Pass reagieren? Laut Internet-Recherche sollte es zunächst ein „Temporary Entry Permit‟ geben. Danach war noch das Konsularbüro in Kaohsiung für ein richtiges Taiwan-Visum aufzusuchen. Und so lief es auch: Zunächst stellte ich mich ordentlich an und zeigte ein unschuldiges Gesicht für die Webcam zur Erfassung der Einreisenden. Vom normalen Kontrollpersonal wurde ich an den letzten Schalter für die Sonderfälle gebeten. Dort wurde wieder alles von einer höheren Beamtin aufgenommen und Chef-Chef musste das ungewöhnliche Dokument bestätigen. Neben dem üblichen Stempel im Pass gab es die vorläufige Einreiseerlaubnis und ein Merkblatt, was noch zu tun ist, um einen „bad report" in Taiwan zu vermeiden.

Eine kleine Verzögerung entstand beim zweiten Abdrücken meiner Fingerabdrücke an eine staatliche Organisation in meinem Leben. Warum nehmen die Totalitaristen nicht gleich meine DNA? Jedenfalls merkte die Mitarbeiterin nach dem dritten Scan-Versuch und der wiederholten Schulung des Einreisewilligen, wie die Finger richtig aufzudrücken sind, dass das High-Tech-Gerät, was dazu dient, Orson Welles alte Visionen endlich in die Wirklichkeit umzusetzen, noch gar nicht eingeschaltet war. Offenbar war ich an dem Tag der erste an diesem Schalter.

Natürlich will ich keinen „bad report" in Taiwan haben, deshalb frugen wir gleich am 2. Januar telefonisch im Konsularbüro an. Das hatte aber einen Brückentag. Bei der späteren Kontaktaufnahme wurde darum gebeten, doch nicht am Abflugtag sein Visum abzuholen. Das wird vermutlich, auch wenn es nicht zum „bad report" führt, als unhöflich und ignorant gegenüber der Staatsmacht angesehen.

Das Konsularbüro ist einem Verwaltungsgebäude in der Nähe des Liebesflusses in Kaohsiung untergebracht. Wie so oft in Verwaltungsdienstellen von Taiwan kam mir wieder der Gedanke an einen quirligen Ameisenhaufen. Trotzdem ging alles schnell und wohlgeordnet. In der Reihe der Schalter gibt es etwa mittig einen für die Ausländerangelegenheiten. Die meisten Besucher waren wohl da, um einen Pass der Republik China zu beantragen oder abzuholen. Die Wartenummer, die ich zog, führte jedenfalls zu prompter Bedienung, also wartete in so einer Angelegenheit niemand vor mir.

Horrende mehr als 60 Euro kostete das direkt entwertete Visa für 30 Tage Aufenthalt, die ich lediglich etwa die Hälfte ausschöpfte. Damit bekäme ich umgerechnet etwa drei Taiwan-Republik-China-Pässe mit geschätzt jeweils 10 Jahren Gültigkeit, wenn ich denn Taiwaner wäre. Wenn das keine Ausländerdiskriminierung ist, wenn das keine Strafe fürs unterlassene Zählen der Gültigkeitstage des eigenen alten Reisepasses ist!

Die erzieherische Wirkung ist eingetreten. Obwohl, das muss ich doch mit Blick auf die repressive Haltung der beiden Regierungen sagen, manchmal kleine Anlässe große Aufstände auslösen können, wie den am 28. Februar 1947, an den heute in Taiwan erinnert wird.

Trotz des hübschen Visums mit aufgedrucktem Bild einer taiwanischen, schelmisch-dreinschauenden Elster werde ich nie, nie wieder einem Online-Check-In-Verfahren vertrauen, immer alle Reisebedingungen auf den Botschaftsseiten und beim Auswärtigen Dienst lesen, auf jeden Bürgermeister innigst einreden, niemals an Brückentagen und schon gar nicht über fast zwei Wochen seine Verwaltung zu schließen.

Im März fliege ich nach Portugal. Das ist zwar ein Schengen-Land, trotzdem beabsichtige ich, wieder meinen grünen, deutschen und noch mehr als 6 Monate gültigen Pass mitzunehmen. Mit dem grünen Pass musste nämlich zeitgleich auch ein roter bestellt werden, es sei denn, man kann ein Rückflugticket vorlegen. Darüber zu diskutieren, hatte ich dann bei der Passausstellung keine Lust mehr, zumal ich sehr froh war, so schnell ein länger gültiges Dokument zu bekommen. Dabei wird der grüne Pass ohnehin ziemlich schnell wieder unbrauchbar sein. Spätestens Ende Mai benötige ich erneut einen neuen, dann den bestellten roten Pass für Taiwan, weil der grüne dann bereits wieder weniger als 6 Monate gültig ist. Zudem fällt mit dem grünen Dokument stets die atemberaubende taiwanische Visagebühr an. Insofern war die Vorbestellung eigentlich unumgänglich.

Dienstag, 13. Januar 2015

Abgedrängt

Ureinwohnerinnen okay, Chinesinnen okay, Showgirls nein!

Zum Jubiläum des Kentinger Strandhotels gab es nicht nur ein Sonderangebot für die Gäste, nämlich ein tägliches Nachmittagsbuffet inklusive, was natürlich weit über Kaffee und Kuchen hinaus ging. Darüber hinaus fand ein nettes Fest statt, was die Hotelangestellten selber organisiert hatten. Sie hatten im Kongressbereich des Hotels eine kleine "Food Mall", so eine Art Marktstraße, aufgebaut. An den Ständen wurden vom Vormittag bis zum frühen Nachmittag im Wesentlichen für einen günstigen Betrag besondere Spezialitäten außerhalb des üblichen Standardprogramms angeboten, wie Gänseköpfe mit Hals oder Badzang, die in einem Blatt eingewickelten chinesischen Reisknödel, welche es gewöhnlich zum Drachenbootfest gibt.

Alles waren Angebot, die zwar hübsch exotisch aussahen und Fragen aufwarfen, aber die westliche Nase nicht wirklich reizten. So war mehr Gelegenheit für gemeinsame Fotos mit den Ureinwohnerinnen im gesetzteren Alter, die sich in den typischen Trachten ihrer Stämme gekleidet hatten, und den Mitarbeiterinnen, die in züchtigen Kostümen höhergestellte Menschen aus der chinesischen Qing-Dynastie repräsentierten. Freundlich lächelnd war Zeit genug, Urlaubserinnerungen in allen Konstellationen auf die Speicherkarten zu bringen.

Dabei wurde es erst richtig spannend am Ende der Mall, wo eine kleine Bühne aufgebaut war mit einem besonders schrillen Stand nebenan. Schlecht für den Fotografen, der umgehend zur Kehrtwende auf den Rückweg in Richtung Ausgang abgedrängt wurde. Von den drei sexy Show-Girls blieb nur ein rascher Schnappschuss, auf dem lediglich eine von ihnen zu sehen ist. Jede Chance für ein gemeinsames Posen wurde mit dem Hinweis "Du bist eh zu schüchtern!" abgedrückt.


Kein Karaoke im Duett oder was sonst dem in den höheren chineschen Schriftzeichen Ungebildeten angeboten wurde. Die Schlange, mit der ich verheiratet bin, schaffte es, diplomatisch geschickt, jede weitere Annäherung nach meinem offenbar mehr als innerlichen WOW abzuwenden.

"Wir können ja später nochmal kommen und schauen, ob dann mehr los ist, und noch Fotos machen", räusperte sich Luo You. "Das schaffen wir nicht. Wenn du Fotos machen willst, dann jetzt", schwupps stand ich mit der perfiden Psychologie von Ehefrau und der sie unterstützenden Mutter vor der sich öffnenden Aufzugstür zur Tiefgarage.

An den Tag folgte ein sehr langer Ausflug ins Sisal-Museum, wo die frühere Bedeutung dieses Produktionszweiges für Taiwan anschaulich und ausführlich dargestellt ist, und nach Baisha, der Strand, wo der Tiger an Land ging.

In der Flut chinesischer Touristen ertränkt, statt von süßen Bunnies auf die Bühne gehoben zu werden. - Dieser Tag hätte durchaus anders verlaufen können.

Freitag, 9. Januar 2015

Wider der Götzenverehrung

Mutter, wie konntest du das tun? Da speiste sich die Familienkultur zum einen aus dem althergebrachten unterwürfig rheinischen Katholizismus. Bekanntermaßen herrschen und dominieren hier im wesentlichen immer noch die protestantischen Preussen in den gesellschaftlichen Führungspositionen, während die Katholiken ihnen - genau wie ihrem unfehlbaren Papst - folgen und gehorsam arbeiten. Zum anderen kommen die Familientraditionen aus dem katholisch-thüringischen Eichsfeld (ohne DDR-Zwischenspiel) sowie quasi frühausgesiedelt dem katholisch-ostpreussischen Ermland, also zwei Exklaven des Katholizismus umgeben von protestantischen Gebieten beziehungsweise angrenzend an Polen. Jedenfalls kann davon ausgegangen werden, das die sozio-geografische Situation zu einem besonderen Bewusstsein für den eigenen Glauben führte. Und nun das! Mutter verbeugt sich mit gefaltenen Händen gegenüber heidnischen Götzenstatuen.



Hort der Götzenanbetung am Sonnen-Mond-See - der ehrwürdige Xuanzang-Tempel

Wie brutal war ich als Kind noch in den 1960er und 1970er Jahren genötigt worden, stets an der Knieschmerzen verursachenden sonntäglichen Messe teilzunehmen, alle Sakramente der heiligen katholischen Kirche zu inhalieren und mich bloß nicht vom Religionsunterricht - bei dem es schon längst mehr um ethische als um Glaubensfragen ging - in der Schule abzumelden. Erst mit dem stärkeren Lösen vom Elternhaus konnte ich das nachvollziehen, was gesellschaftlich schon viel früher durch die 1968er erreicht worden war.

Die einzige Erklärung für das mütterliche Verhalten, vor den vergoldeten Holzstatuen die Hände zu falten und sich zu verbeugen, kann nur im christlichen Respekt für die nächsten Mitmenschen liegen. Der allmächtige Christengott könnte es doch nie zulassen, dass so freundliche und höfliche Menschen einem Irrglauben unterliegen. Also müssen etwa der verehrte Mönch, der heilige Schriften des Buddhismus von Indien nach China brachte, oder die Minister, die aufgrund ihrer Wohltaten für die Menschen zu Göttern wurden, ihre Anbetungswürdigkeit nur deshalb erhalten haben, weil der christliche Gott dies zuließ. Sie symbolisieren und bestätigen in ihrer eigenen Art, dass es Gott gibt. Da bleibt dann nur der offene Punkt, warum den heidnischen Asiaten von Gott nicht gleich und direkt der wahre Glaube offenbart wurde. Dies wird wohl Gottes Geheimnis bleiben, warum weiterhin zähe Missionsarbeit in Asien nötig ist. Außerdem sei auch an die ziemlich klaren Aussagen in den zehn Geboten erinnert.

Erfolg hatten die Missionare jedenfalls bei einer Landsmännin meiner Ehefrau, die uns gegenüber ihr Christsein in Bauer Steins Pflaumenplantage bekannte, mir mit einem "Hello" um den Hals fiel, "I love you" rief, mich küsste, den Besuch in Deutschland ankündigte und ihre Email hinterließ - nicht übertrieben. Sie ist deshalb Christin, um ihr Leben zu genießen, sagte sie. Ja ist den schon die Hochzeit im rheinischen Karneval? "Sehr untaiwanesisch", meinte die beste Ehefrau von allen, die auch die junge Frau innerhalb ihrer christlichen Reisegruppe aus Taoyuan als außergewöhnlich empfand. Viel besser als religiöse Fanatiker, dachte Luo You in Anbetracht aktueller Ereignisse.

Den Buddhisten, Taoisten und anderen Fremdgläubigen dürfte es ziemlich egal sein, wie Mutter Luo You sie in ihr christliches Weltbild einsortiert, solange sie keine Statuen sprengt, Tempel zu Kirchen umbaut oder buddhistische Nonnen und Mönche als Ketzer hinrichtet.


Totalüberfremdung am Strand bei Kending, heutiger Stand gegen 15.30 Uhr - Bei Dresdner Verhältnissen (Problem-Entwicklung Gering-Intelligenter Deutschtümelnder Aktivisten) und fast 100 % Adoka (Langnasen) abgesehen von Sonnenschirmvermietern, Strandwächtern und Barbedienung wäre die Gründung einer PAGODE (Panische Asiaten Gegen die Oriententzauberung Durch Europide) zu befürchten.

"Was für ein lustiges Land Deutschland ist", kommentierte die Ehefrau aufgrund der permanenten PEGIDA-Nachrichten in den Systemmedien. Luo You wollte dem zustimmen, wenn denn nicht die deutsche Vergangenheit zeigt, dass Irrsinn und Fanatismus in die übelste Situation führen können. Die Frage wird zu beantworten sein, wie der Prozess zu einer säkularen und aufgeklärten Weltordnung wieder aufgenommen und forciert werden kann. Weder der Bau von Moscheen noch der sonntägliche Kirchenbesuch oder eine Stimmabgabe für die Freunde der PEGIDA wird die Antwort dazu liefern.