Posts mit dem Label Ferrocarriles de vía estrecha werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ferrocarriles de vía estrecha werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 6. November 2012

Am Rande der Surrealität - Salzeisenbahnen in Taiwan

Die Insel Taiwan, die von den Portugiesen im 16. Jahrhundert „Ilha Formosa“, die schöne Insel genannt wurde, wird für den zeitgenössischen Reisenden häufig zur „Ilha Louco“.

Statt dröge beschaulicher Eisenbahnromantik für ältere Herren findet der Ferrophile auf der Suche nach den Resten von Taiwans Salzeisenbahnen zunächst sexy Cosplayers vor weißen Bergen. Wenn Märklin, Roco, Fleischmann & Co. ihre Produkte so an den Mann brächten, wären sie vielleicht nicht so hart an der Pleite vorbeigeschrammt.

Taiwaner im Schnee? Die These meines Schwiegervaters war, dass Taiwaner nicht auf Schnee leben können. Diese Auffassung wurde klar widerlegt. Sowohl eine seiner Töchter wie auch eine Enkelin verbrachten schneereiche Winter in Deutschland.

Völlig surreal wurde die Suche nach den Resten der taiwanischen Salzeisenbahnen nördlich von Tainan als dann noch der Weihnachtsmann mit seinen Rentieren erschien. Kein Zweifel: Dies muss die „Ilha Louca“ sein!

Es ist keine Schneelandschaft, die Luo You auf der subtropischen Insel umgibt, sondern es sind die Salzfelder und Salinen von Cigu.

Nachdem 1662 der Ming-Getreue Zhèng Chénggōng (鄭成功), auch Koxinga (國姓爺) genannt, die Insel den Holländern genommen hatte und Salz benötigte, begann die Salzgewinnung in den westlichen Küstengegenden von Taiwan.

Wurde früher mit Menschenkraft und Ochsenkarren das Salz abgefahren, begann in der japanischen Kolonialzeit von Taiwan ab 1895 der Transport auf den Salzfeldern mit Feldbahnen. Die Bahnlinien wurden später mit dem Schmalspurnetz der Zuckereisenbahnen verbunden. 1952 wurde das Netz der Salzeisenbahnen mit US-Krediten in Budai (布袋) und Cigu (七股) erneuert. Die Bahnen dienten sogar dem Personenverkehr, etwa um Schüler zu ihren Ausbildungsstätten zu bringen.

Eisenbahnnetze bestanden auf den Salzfeldern von

Budai (布袋), wie auf der Seite von Su I-Jaw dargestellt, und

Cigu (七股), wie hier enthalten. In diesem Ort befindet sich auch das heutige Salzmuseum Taiwans, welches die Geschichte dieses Produktions- und Erwerbszweig zu bewahren versucht.

Seit den 1970er Jahren wurden aus wirtschaftlichen Überlegungen verstärkt Lastkraftwagenzum Salztransport eingesetzt. Ab 1969 begann der Import von Industriesalz nach Taiwan. Damit wurde der Niedergang der klassischen taiwanischen Salzproduktion eingeläutet. Trotz aller Rationalisierungsbemühungen war die heimische Salzproduktion vor allem wegen der Kostenstruktur und ungünstiger Wetterbedingungen nicht mehr wettbewerbsfähig.

Eingestellt wurde 2002 nach 338 Jahren Betrieb die mechanische Salzproduktion in Cigu (七股). Auch heute wird noch in Taiwan Salz hergestellt. Produktionsstätte ist insbesondere in der Fabrik von Taiyen oder Taiwan Salt (台鹽) in Tunghsiao (通霄), die mittels Elektrodialyse Salz gewinnt. Ansonsten wird das meiste in Taiwan benötigten Salz über den Hafen in Taichung aus Australien eingeführt.

So sind von den Salzeisenbahnen nur korrodierte Relikte und Denkmäler, Dokumente und Museumsstücke in einer fremdartigen vom Menschen geformten Landschaft übrig geblieben, die Wandel und Vergänglichkeit repräsentieren, aber trotzdem die Freude an einer spaßigen Gegenwart und Neugier auf kommende Skurilitäten in der Zukunft erlauben.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Zuckereisenbahnen - Sugar Railways - 糖業鐵道 - Ferrocarriles de vía estrecha para la caña de azúcar en Taiwan

Was für das Ruhrgebiet der Kohlenbergbau war für den Südwesten Taiwans der Zuckeranbau. Vor mehr als 100 begann die Errichtung vieler großer Fabriken und die industrielle Gewinnung von Zucker aus dem Zuckerrohr.

Die TSC („Taiwan Sugar Corporation“ oder Taiwan Zucker Gesellschaft, 台糖公司, oder kurz Taizucker, 台糖) wurde 1946 aus den Zuckergesellschaften der japanischen Kolonialzeit Taiwans gegründet. Die TSC wurde die größte Gesellschaft und der größte Landeigentümer der Insel. Das Staatskonzern hat und beeinflusst maßgeblich die Landesentwicklung. Mit dem Niedergang der Zuckerindustrie begann die Ausdehnung seiner Geschäftszweige, heute unter anderem mit Biotechnologie, Tier- und Pflanzenzucht, Aquakulturen, Tourismuseinrichtungen, Einzelhandelsbetrieben und Tankstellen.

Für die Zuckerfabriken und zur Landerschließung entstand in den Anfangsjahren ein dichtes Streckennetz von schmalspurigen Zuckereisenbahnen. Üblich waren 762 mm Spurweite. Einige wenige hatten auch 610 mm Spurweite. Teilweise wurden auch Dreischienengleise mit 762 und 1067 mm Spurweite angelegt, um den einfachen Übergang zu den Hauptbahnen zu ermöglichen.

Mit dem Aufbau der Zuckerfabrik 1902 in Chiatou (橋頭), heute zur Stadt Kaohsiung (高雄) gehörig, wurde erstmals die Eisenbahn zum Rohstoff- und Gütertransport, aber auch zum Vorteil für die Bewohner der benachbarten Siedlungen eingesetzt. Die Bahn mit Dampflokbetrieb war 1907 fertiggestellt. Personenverkehr auf Zuckereisenbahnen fand ab 1909 statt.

Die Gleisharfe in die Zuckerfabrik von Chiatou (橋頭), Ort der ersten Zuckereisenbahn Taiwans, im früheren Landkreis Kaohsiung zum Jahresende 2003. Zuckerrohrsaft fließt hier schon seit 1999 nicht mehr.

Gewöhnlich erschlossen die Zuckereisenbahnen sternförmig das Land um die Fabriken. Entsprechend den guten klimatischen Anbaubedingungen für das Zuckerrohr befand sich die Mehrzahl der Bahnen in der Chianan-Ebenen zwischen dem nördlichen Chiayi (嘉義) und dem südlichen Kaohsiung (高雄) im Südwesten Taiwans. Zur Erleichterung des Transports wurden während der japanischen kolonialzeit Standards zur Übergabe auf die staatlich betriebenen Hauptbahnen festgelegt. Die einzelnen Zuckereisenbahnen waren nicht miteinander vernetzt. Sie gehörten in der Kolonialzeit verschiedenen Unternehmen und auch große Flussläufe führten zu Unterbrechungen.

Einige Jahre nach dem II. Weltkrieg begann die staatliche TSC, die die Zuckerwerke und Eisenbahnen übernahm, mit dem Aufbau einer Süd-Nord-Bahn (南北平行預備線) von Taichung (台中) bis Kaohsiung (高雄) parallel zur Haupteisenbahnlinie auf Taiwan. Der Bahnbau geschah auch aus militärischen Gründen. In der Blütezeit der Zuckereisenbahnen, in den 1950er Jahren, gab es mehr als 3000 km Strecken.

Mit dem Rückgang des in Taiwan nicht mehr rentablen Zuckerrohranbaus, der Schließung von Zuckerfabriken und dem Zuwachs im Straßenverkehr wurden die Strecken nach und nach aufgegeben. 1982 wurde der letzte reguläre Personenverkehr eingestellt. Er fand auf der Beigang-Strecke zwischen Chiayi (嘉義) und Beigang (北港) statt. 2012 wird nur noch in Huwei (虎尾) auf einer Strecke Zuckerrohr transportiert.

Mehr als 100 Jahre Industriekultur vor dem Ende - Eisenbahnarbeiter in der Zuckerfabrik von Huwei (虎尾)

An verschiedenen Standorten wurden in den vergangenen Jahren Bahnen und Fahrzeuge für Touristenzüge hergerichtet. Begonnen wurde damit an der früheren Zuckerfabrik Wushulin (烏樹林) in der Gemeinde Houbi (後壁), wo auch Dampflokomotiven eingesetzt werden. Weitere Touristenbahnen gibt es in Sihu (溪湖), Suantou (蒜頭), Hsinying (新營), Chiatou (橋頭) sowie Fahrbetrieb auf dem ehemaligen Werksgelände in Nanchou (南州). Fahrzeuge für Sonderfahrten stehen auch in Huwei (虎尾).

Zuckereisenbahn ohne Zucker in Wushulin am 6.1.2008 - Die Zuckerfabrik ist schon lange abgerissen. Der Lokführer der DIEMA aus deutscher Produktion mit Mercedes-Benz-Motor fährt jetzt unter anderem mit ausländischen Touristen aufs platte Land.

Am 11.1.2012 während der Erntesaison war Luo You in Huwei (虎尾) und hat einige Szenen von der Schmalspurbahn der Zuckerfabrik aufgenommen. Die Aufnahmen entstanden zwischen 13.30 und 16 Uhr. Nach Auskunft des Pförtners fahren die Züge ohne Fahrplan etwa alle zwei Stunden durch die Stadt zu den Feldern, um das Zuckerohr zu holen. Außerdem gibt es Werksverkehr innerhalb des Fabrikgeländes zu sehen. Die DIEMA-Lokomotiven rangieren die Wägelchen mit dem gehäckselten Zuckerohr oder abgefüllten Zuckersäcken auf den Gleisen.



Lage der Zuckerfabrik in Huwei(虎尾)

Quellen: Chinesisches Wikipedia, Hung Chi-Wen´s (洪致文) Buch "One Century of Railways in Taiwan - Local Lines" von 2001, ISBN 957-13-3285-2, Su Yi-Chao´s (蘇奕肇) Webseite, Matthew Kirtley´s Webseite, eigene Besuche.