Montag, 22. Juli 2013
Chishan (旗山) - Noch mehr Zucker, noch ein Bahnhof
Dennoch gab es genug Alternativen in der alten Hauptstraße und Giya Bingshia hat mittlerweile auch verschiedene Filialen außerhalb dieses Distrikts von Kaohsiung.
Statt Eis am Nachmittag gab es stinkenden Tofu, laut Werbung probiert und getestet von lokalen und regionalen Berühmtheiten – Ich gestehe, es war mein erster „Stinky Tofu“ nach mehr als 12 Jahren Taiwan.
Neueinsteiger in die Esskultur Taiwans sollten sich vom Gestank des fermentierten Tofu bei der Zubereitung nicht abschrecken lassen. Er schmeckt wirklich sehr gut und stinkt auch nicht beim Essen.
Das eigentliche Attraktion für den „Eisenbahn-Aficionado“ war natürlich das Bahnhofsgebäude Chishan der Qiwei-Eisenbahnlinie am Ende der alten Straße. Die japanische Architektur vor dem Zweiten Weltkrieg, so wie sie sich hier aus der Kolonialzeit Taiwans zeigt, ist laut Wikipedia unter Giyōfū-Architektur (擬洋風建築, -kenchiku) oder pseudo-westliche Architektur bekannt. Sie lässt in Chihshan vor allem Elemente des englischen Tudor-Stils erkennen.
Voll zu bewundern ist das Gebäude als fast perfektes 3D-Modell in Google Earth (22°53'04.80" N 120°28'55.19" O). Die Bananenstauden vor den Bahnhof haben Bedeutung: Chihshan galt in Taiwan als Königreich der Bananen.
Am 20. August 1910 begann der Eisenbahnverkehr für die Takasago Zuckergesellschaft (高砂製糖株式會社) in Chishan, um die landwirtschaftlichen Produkte der Region, wie Zuckerrohr, Süßkartoffeln und Bananen, zu transportieren und die Zuckerfabrik in Qiwei (旗尾) anzuschließen.
Das Gebiet um Chihshan und Meinong wird von Hügeln und Bergen schön umrahmt. Nach Süden und Pingtung öffnet es sich mit dem Lauf des Kaoping-Flusses. Bewohnt wird das Gebiet überwiegend von Hakka, einer Volksgruppe die später zugewandert ist, und sich deshalb zwischen der bereits von Han-Chinesen besiedelten Ebene und den Bergen, in die sich die Ureinwohner zurückzogen haben, niederlassen musste. Die Hakka haben ihre eigene Sprache und Kultur mitgebracht. Es ist fast so, als wären die Bayern wie die Sinti und Roma nach Mitteleuropa gekommen und hätten sich im Voralpenland niedergelassen.
Nach dem Bau der Autobahn 10 von Kaohsiung nach Meinong löst sich das ehemals geschlossene Siedlungsgebiet der Hakka auf. Der schnelle Weg in das Herz der Großstadt und günstigere Baulandpreise führen zu größerer Mobilität und veranlassen viele, egal ob Hakka oder nicht, sich dort niederzulassen oder wegzuziehen. Damit geht nicht nur der Gebrauch der eigenen Sprache der Hakka, sondern auch ihre althergebrachte Kultur zurück.
An der Gleisseite fuhren früher die Züge nach Jiuqutang (九曲堂), wo in die Hauptbahn zwischen Pingtung und Kaohsiung umgestiegen werden konnte. In der Gegenrichtung nach Osten ging es für Güter noch zur Zuckerfabrik und weiteren Orten, wie Meinong.
Der Ausschnitt des alten Stadtplans zeigt im Bahnhof Chihshan immerhin vier durchgehende Gleise und ein Gütergleis westlich vom Empfangsgebäude. Offenbar sind auf der südlichen Seite weitere Abstellgleise und ein zweigleisiger Lokschuppen.
Östlichen vor dem Bahnhofsgebäude zweigt die etwa 16 km lange Strecke in Richtung Xīnzhuāng (新庄) ab und kreuzt den kleinen Bahnhofsvorplatz nach Norden.
Zur besseren Orientierung finden sich bei Su Yi-Chao (蘇奕肇) einige alte Karten mit dem Netz und der Lage der Zuckereisenbahnen im Jahr 1978. Für 2006 ist um Chihshan und Pingtung nur noch die abgebaute Strecke eingezeichnet.
Seit 1979 ist der gesamte Betrieb eingestellt. Einige Jahre später wurden alle Gleise entfernt. Das Gebäude verfiel. Im Jahr 2005 wurde der Bahnhof als historisch bedeutsames Gebäude für damaligen Landkreis Kaohsiung eingestuft. 2009 waren die Reparaturarbeiten zum dauerhaften Erhalt abgeschlossen.
Das Gebäude wird heute unter anderem dafür genutzt, Chishan als ein in Taiwan bekanntes Anbaugebiet für Bananen touristisch zu vermarkten. Drinnen können zum Beispiel leckere Bananenchips erworben werden. Es dient ansonsten als kleine Ausstellungshalle und gibt Gelegenheit zur Rast am Ende der quirligen Gastronomie- und Einkaufszone im Ortszentrum.
Reste der geschlossenen Zuckerfabrik in Qiwei auf der gegenüberliegenden Flussseite - Auch ohne Giya Bingshia gab es Eiscreme, nämlich in der Verkaufshalle der Zuckergesellschaft TSC auf dem früheren Werksgelände.
Neben der Verkaufshalle, dem schicken Hua Xing Motel (旗山花鄉汽車旅館, mit Hello-Kitty-Zimmer, dazu ein anderes Mal mehr), gab es noch ein paar Eisenbahnrelikte, wie die alte Dampflok 354, gebaut 1948 von Tubize in Belgien, die wohl ursprünglich in Nanzhou (州糖) im Einsatz war.
Donnerstag, 9. Februar 2012
Zuckereisenbahnen - Sugar Railways - 糖業鐵道 - Ferrocarriles de vía estrecha para la caña de azúcar en Taiwan
Was für das Ruhrgebiet der Kohlenbergbau war für den Südwesten Taiwans der Zuckeranbau. Vor mehr als 100 begann die Errichtung vieler großer Fabriken und die industrielle Gewinnung von Zucker aus dem Zuckerrohr.
Die TSC („Taiwan Sugar Corporation“ oder Taiwan Zucker Gesellschaft, 台糖公司, oder kurz Taizucker, 台糖) wurde 1946 aus den Zuckergesellschaften der japanischen Kolonialzeit Taiwans gegründet. Die TSC wurde die größte Gesellschaft und der größte Landeigentümer der Insel. Das Staatskonzern hat und beeinflusst maßgeblich die Landesentwicklung. Mit dem Niedergang der Zuckerindustrie begann die Ausdehnung seiner Geschäftszweige, heute unter anderem mit Biotechnologie, Tier- und Pflanzenzucht, Aquakulturen, Tourismuseinrichtungen, Einzelhandelsbetrieben und Tankstellen.
Für die Zuckerfabriken und zur Landerschließung entstand in den Anfangsjahren ein dichtes Streckennetz von schmalspurigen Zuckereisenbahnen. Üblich waren 762 mm Spurweite. Einige wenige hatten auch 610 mm Spurweite. Teilweise wurden auch Dreischienengleise mit 762 und 1067 mm Spurweite angelegt, um den einfachen Übergang zu den Hauptbahnen zu ermöglichen.
Mit dem Aufbau der Zuckerfabrik 1902 in Chiatou (橋頭), heute zur Stadt Kaohsiung (高雄) gehörig, wurde erstmals die Eisenbahn zum Rohstoff- und Gütertransport, aber auch zum Vorteil für die Bewohner der benachbarten Siedlungen eingesetzt. Die Bahn mit Dampflokbetrieb war 1907 fertiggestellt. Personenverkehr auf Zuckereisenbahnen fand ab 1909 statt.
Die Gleisharfe in die Zuckerfabrik von Chiatou (橋頭), Ort der ersten Zuckereisenbahn Taiwans, im früheren Landkreis Kaohsiung zum Jahresende 2003. Zuckerrohrsaft fließt hier schon seit 1999 nicht mehr.
Gewöhnlich erschlossen die Zuckereisenbahnen sternförmig das Land um die Fabriken. Entsprechend den guten klimatischen Anbaubedingungen für das Zuckerrohr befand sich die Mehrzahl der Bahnen in der Chianan-Ebenen zwischen dem nördlichen Chiayi (嘉義) und dem südlichen Kaohsiung (高雄) im Südwesten Taiwans. Zur Erleichterung des Transports wurden während der japanischen kolonialzeit Standards zur Übergabe auf die staatlich betriebenen Hauptbahnen festgelegt. Die einzelnen Zuckereisenbahnen waren nicht miteinander vernetzt. Sie gehörten in der Kolonialzeit verschiedenen Unternehmen und auch große Flussläufe führten zu Unterbrechungen.
Einige Jahre nach dem II. Weltkrieg begann die staatliche TSC, die die Zuckerwerke und Eisenbahnen übernahm, mit dem Aufbau einer Süd-Nord-Bahn (南北平行預備線) von Taichung (台中) bis Kaohsiung (高雄) parallel zur Haupteisenbahnlinie auf Taiwan. Der Bahnbau geschah auch aus militärischen Gründen. In der Blütezeit der Zuckereisenbahnen, in den 1950er Jahren, gab es mehr als 3000 km Strecken.
Mit dem Rückgang des in Taiwan nicht mehr rentablen Zuckerrohranbaus, der Schließung von Zuckerfabriken und dem Zuwachs im Straßenverkehr wurden die Strecken nach und nach aufgegeben. 1982 wurde der letzte reguläre Personenverkehr eingestellt. Er fand auf der Beigang-Strecke zwischen Chiayi (嘉義) und Beigang (北港) statt. 2012 wird nur noch in Huwei (虎尾) auf einer Strecke Zuckerrohr transportiert.
Mehr als 100 Jahre Industriekultur vor dem Ende - Eisenbahnarbeiter in der Zuckerfabrik von Huwei (虎尾)
An verschiedenen Standorten wurden in den vergangenen Jahren Bahnen und Fahrzeuge für Touristenzüge hergerichtet. Begonnen wurde damit an der früheren Zuckerfabrik Wushulin (烏樹林) in der Gemeinde Houbi (後壁), wo auch Dampflokomotiven eingesetzt werden. Weitere Touristenbahnen gibt es in Sihu (溪湖), Suantou (蒜頭), Hsinying (新營), Chiatou (橋頭) sowie Fahrbetrieb auf dem ehemaligen Werksgelände in Nanchou (南州). Fahrzeuge für Sonderfahrten stehen auch in Huwei (虎尾). Zuckereisenbahn ohne Zucker in Wushulin am 6.1.2008 - Die Zuckerfabrik ist schon lange abgerissen. Der Lokführer der DIEMA aus deutscher Produktion mit Mercedes-Benz-Motor fährt jetzt unter anderem mit ausländischen Touristen aufs platte Land.
Am 11.1.2012 während der Erntesaison war Luo You in Huwei (虎尾) und hat einige Szenen von der Schmalspurbahn der Zuckerfabrik aufgenommen. Die Aufnahmen entstanden zwischen 13.30 und 16 Uhr. Nach Auskunft des Pförtners fahren die Züge ohne Fahrplan etwa alle zwei Stunden durch die Stadt zu den Feldern, um das Zuckerohr zu holen. Außerdem gibt es Werksverkehr innerhalb des Fabrikgeländes zu sehen. Die DIEMA-Lokomotiven rangieren die Wägelchen mit dem gehäckselten Zuckerohr oder abgefüllten Zuckersäcken auf den Gleisen.
Lage der Zuckerfabrik in Huwei(虎尾)
Quellen: Chinesisches Wikipedia, Hung Chi-Wen´s (洪致文) Buch "One Century of Railways in Taiwan - Local Lines" von 2001, ISBN 957-13-3285-2, Su Yi-Chao´s (蘇奕肇) Webseite, Matthew Kirtley´s Webseite, eigene Besuche.







