Samstag, 31. August 2013

Taifun Tabu

Warum Luo You nur den Winter kennt!

Jedes Mal, wenn ich von einem Taifun über Taiwan höre oder lese, bedauere ich es, nicht dort zu sein und das gewaltige Wettereignis mit eigenen Sinnen - natürlich aus einem sicheren Unterstand - zu erleben. Aber für Luo You gilt das von der besten Ehefrau der Welt verhängte Taifun-Verbot. Nur Erdbeben lassen sich als ebenfalls außerordentlich beeindruckende Naturereignisse nicht jahreszeitlich ausschließen.

Ruhige See und ein schöner Sonnenuntergang über dem ehemals britischen Konsulat am Hafen von Kaohsiung im Mai 2013. Da sind Taifune und unerträgliche Hitze ganz weit weg.

So wird die Sommerzeit in Deutschland und Europa verbracht, während die Zeit von Oktober bis Mai optimal für Reisen nach Taiwan genutzt werden kann. Große Sorge bereiten uns aber bei jeden Taifun die Gefahren für die Menschen und die großen Sachschäden an Infrastruktur, Gebäuden und Kulturen. Viele Straßen, die wir in früheren Jahren in den Bergen einfach befahren konnten, sind nach vielen Taifunen, besonders nach Morakot in 2009, und den damit verbundenen Erdrutschen immer noch unpassierbar. Man könnte sie eigentlich aus dem Autoatlas streichen. Die Winterzeit reicht nicht mehr für die Reparatur. Das betrifft leider auch die Waldeisenbahn von Alishan, deren früherer Gesamtbetrieb wohl erst ab Mitte 2014 wieder aufgenommen werden kann.

Dienstag, 27. August 2013

Realität und Wirklichkeit oder Traum und Fiktion

Schock in Alishan

„Guck nicht hin“, sage ich zu meiner Frau, „Schau weg! Da liegt ein totes Schwein.“ Diese verdammten Barbaren. 番人 (Fan1Ren2)! Wie konnten sie das tun. Haben denn 50 Jahre strenger japanischer Kolonialzeit gar kein Benehmen auf diese Insel gebracht. Wenn es den Chinesen egal war, was in den Bergen Taiwans läuft, hätten wenigsten die vom westlichen Imperialismus infizierten und Missionseifer für ihre eigene Kultur beseelten Japaner einen Keim von Zivilisation in ihrer Zeit setzen können.

Ich wusste, dass die Bewohner in den Bergdörfern schon mal gerne auf die Jagd nach Flughunden gehen, wobei nach der Erzählung eine Art gejagt werden darf und eine andere geschützt ist. Leider lässt sich erst nachdem das Tier erlegt wurde, feststellen zu welcher Art es gehörte. Auch hatte ich schon im Osten Taiwans gefangene Affen (ebenfalls geschützt) im Käfig am Straßenrand gesehen. Aber das verbrannte Ferkel verursachte nur Ekel.

Der genauere Blick auf die braunen Borsten und den leblosen Tierkadaver ließ den Adrenalinspiegel wieder sinken. Es war zu erkennen, dass wohl nur ein fleißiger Teepflanzer eine Hanfpalme gefällt und versucht hatte den Stamm zu verbrennen, um mehr Platz auf dem Weg und für seine Plantage zu schaffen.

Und überhaupt sind die Bergbewohner heutzutage weder blutrünstig noch besonders auf Jagd und schon gar nicht auf Töten aus. Ähnlich wie bei uns kommen mehr die Zivilisationskrankheiten, Übergewicht, fehlende Bewegung und Sport zum Ausdruck. Da führt der taiwanische Film „Seediq Bale“, ein Epos mit 4 ½ Stunden Dauer, was mit einer furiosen Wildschweinjagd beginnt, doch ziemlich in die falsche Richtung, wenn die Lebensumstände der Ureinwohner und das Auftreten ihres Häuptlings beschrieben werden. Auch in der damaligen Realität war der Häuptling Mona Rudao ein eher schmächtiges Kerlchen, geprägt von harten und entbehrungsreichen Leben im Gebirge.

Nachdem ich die DVD-Box mit „Seediq Bale“ kürzlich beim Aufräumen in der Hand hatte, hätte ich mir gerne den Film wieder angesehen. Es ist blöd, dass der Regionalcode, der in Taiwan gekauften Scheiben ein anderer ist, damit die Unternehmen interkontinental mehr Geld herausholen können. Auf das Manipulieren des DVD-Spielers hatte ich keine Lust. Den Film über Computer oder Beamer zu schauen, war mir zu unbequem. Da wird die Wiederholung im heimischen Wohnzimmer auf lange Winterabende warten müssen.

Sonntag, 18. August 2013

Überraschung im Jahr des Drachen

Heiner Müller globalisiert oder was ist los in Vietnam?

2012 war nach den chinesischen Tierkreis das Jahr des Drachen. Das „Jahr des Drachen“ ist aber auch ein Film, der – keine Überraschung – im Jahr des Drachen, also 2012 spielt, und gestern im WDR-Fernsehen in Wiederholung ausgestrahlt wurde.

Nachdem mir meine Mutter am Telefon mitgeteilt, das sie den deutschen Film mit asiatischen Hintergrund gerade sieht, war auch mein Interesse geweckt. Statt des Filmdramas habe ich mir mit besten Ehefrau von allen dann doch lieber Til Schweigers lustigere Komödie „Zweiohrküken“ auf DVD angesehen, was unsere Stimmungslage besser traf. Das „Jahr des Drachen“ wurde parallel aufgezeichnet und heute morgen zu Ende geguckt.

Die Geschichte ist recht einfach und klingt bekannt. Gestandener deutscher Geschäftsmann trifft jüngere hübsche Asiatin. Dazu schreibt der Sender:

Thomas Eichner, gespielt von Klaus J. Behrendt, soll er für sein Unternehmen in Saigon verhandeln. Fernab von seiner Heimat, dem Konflikt mit seinem Sohn, der seit Jahren quälenden Sorge um seine krebskranke Frau und seinem drohenden 50. Geburtstag lernt er die Vietnamesin Huong kennen: „Sie ist hinreißend. Sie ist jung. Sie ist das Leben.“

Zu seinen schwersten Sorgen zählt sicher der drohende 50. Geburtstag, was der im Jahr des Drachen geborene Verfasser dieses Blogs aus persönlichen Gründen absolut nachvollziehen kann. Die Monate bis dahin sind fast an einer Hand abzählbar. Was bedeuten da Ehefrau und Sohn?

Vorsicht bei drohenden 50. Geburtstagen! In dem verflixten Lebensjahr können neue exotische Reize alte Beziehungen aus dem Gleichgewicht bringen.

Das Treffen mit Huong war von den vietnamesischen Geschäftspartnern arrangiert und bezahlt. Trotzdem – so wie es kommen muss – verlieben sich die beiden. Der Konflikt zwischen Familie und neuer Liebe wird im Film nicht gelöst. Nach etwa 90 Minuten sorgt ein Verkehrsunfall für den Tod von Huong, die in Vietnam ihre kleine Tochter und Mutter hinterlässt, welche ebenfalls einer teuren medizinischen Behandlung bedurfte.

Huong wird von Nina Liu dargestellt, einer australischen Schauspielerin mit chinesischen Wurzeln, die in Berlin lebt. Das ist Globalisierung, sagt meine Frau, hätte es denn keine passende vietnamesische Schauspielerin gegeben, wo doch so viele Vietnamesen in Deutschland leben? Muss es ihr als Australierin nicht geschmerzt haben, Dialoge in vorgetäuschten gebrochenen Englisch von sich zu geben?

So als Huong Thomas hinweist, dass er nur 2.000 US-$ statt der erwarteten 5.000 an den Onkel für die medizinische Behandlung ihrer Mutter online nach Vietnam überweist. Darauf Thomas: „I´m not a cash machine.“ Huong: „No love me.“

Wie passend schreibt die TAZ, dass das „Jahr des Drachen“ auf unbedarfte Weise eher klischeehaft wirkt, aber – so verstehe ich den Artikel – wohl noch nicht rassistisch.

Warum werden eigentlich keine Lösungen außerhalb der bürgerlichen Gedanken- und Normenwelt, etwa als Ménage à trois im Sinne Heiner Müllers, wie er sie Film „Keine Hand wäscht die andere“ aufzeigt. Die Sonne und Farbigkeit Südostasiens hätten Thomas Eichners Frau zur Genesung ebenso gut getan. Übrigens kommt auch im Film „Keine Hand wäscht die andere“ die Hauptdarstellerin durch einen Verkehrsunfall ums Leben.

Der Film „Jahr des Drachen“ wäre in diesem Blog kaum erwähnt worden, hätte er nicht zum Ende noch einen spannenden Moment und eine Überraschung geboten. Bei der Beerdigung von Huong in Vietnam wird ein berühmtes taiwanisches Lied, nämlich 高山青 („Grüne hohe Berge“), auch bekannt unter 阿里山的姑娘 („Mädchen von Alishan“), gespielt - so ungefähr im Stil einer malaysischen Militärkapelle.

Überhaupt kein Grund zur Trauer in Taiwan, wenn die schönen Mädchen von Alishan die hohen grünen Berge besingen.

Aber wie wurde das berühmte Volkslied zur Beerdigungsmusik in Vietnam? Oder haben die deutschen Filmemacher lediglich verschiedene Aufnahmeszene aus Saigon ohne Zusammenhang und tieferes Nachdenken zusammengeschnitten? Wir sollten beim nächsten Besuch des neu eröffneten Sushi-Restaurants „Anh & Em“ den freundlichen Wirt, der vietnamesische Vorfahren hat, fragen.

Einfahrt zu einem freundlichen und angenehmen Gästehaus in Osttaiwan. Zwischenmenschliche Beziehungen und Hochzeiten gibt es nicht nur zwischen Deutschland und Vietnam sondern auch zwischen Taiwanern und Vietnamesen. Hier kommt die Chefin aus Vietnam und serviert leckere Nudelsuppen nach Rezepten aus der alten Heimat zum Frühstück.

Montag, 22. Juli 2013

Chishan (旗山) - Noch mehr Zucker, noch ein Bahnhof

Eigentlich hat MKL schon fast alles über Chishan (旗山) geschrieben. Leider habe ich den Artikel erst jetzt gelesen und so haben wir im März 2013 Giya Bingshia (枝仔冰城) verpasst.

Dennoch gab es genug Alternativen in der alten Hauptstraße und Giya Bingshia hat mittlerweile auch verschiedene Filialen außerhalb dieses Distrikts von Kaohsiung.

Statt Eis am Nachmittag gab es stinkenden Tofu, laut Werbung probiert und getestet von lokalen und regionalen Berühmtheiten – Ich gestehe, es war mein erster „Stinky Tofu“ nach mehr als 12 Jahren Taiwan.

Neueinsteiger in die Esskultur Taiwans sollten sich vom Gestank des fermentierten Tofu bei der Zubereitung nicht abschrecken lassen. Er schmeckt wirklich sehr gut und stinkt auch nicht beim Essen.

Das eigentliche Attraktion für den „Eisenbahn-Aficionado“ war natürlich das Bahnhofsgebäude Chishan der Qiwei-Eisenbahnlinie am Ende der alten Straße. Die japanische Architektur vor dem Zweiten Weltkrieg, so wie sie sich hier aus der Kolonialzeit Taiwans zeigt, ist laut Wikipedia unter Giyōfū-Architektur (擬洋風建築, -kenchiku) oder pseudo-westliche Architektur bekannt. Sie lässt in Chihshan vor allem Elemente des englischen Tudor-Stils erkennen.

Voll zu bewundern ist das Gebäude als fast perfektes 3D-Modell in Google Earth (22°53'04.80" N 120°28'55.19" O). Die Bananenstauden vor den Bahnhof haben Bedeutung: Chihshan galt in Taiwan als Königreich der Bananen.

Am 20. August 1910 begann der Eisenbahnverkehr für die Takasago Zuckergesellschaft (高砂製糖株式會社) in Chishan, um die landwirtschaftlichen Produkte der Region, wie Zuckerrohr, Süßkartoffeln und Bananen, zu transportieren und die Zuckerfabrik in Qiwei (旗尾) anzuschließen.

Das Gebiet um Chihshan und Meinong wird von Hügeln und Bergen schön umrahmt. Nach Süden und Pingtung öffnet es sich mit dem Lauf des Kaoping-Flusses. Bewohnt wird das Gebiet überwiegend von Hakka, einer Volksgruppe die später zugewandert ist, und sich deshalb zwischen der bereits von Han-Chinesen besiedelten Ebene und den Bergen, in die sich die Ureinwohner zurückzogen haben, niederlassen musste. Die Hakka haben ihre eigene Sprache und Kultur mitgebracht. Es ist fast so, als wären die Bayern wie die Sinti und Roma nach Mitteleuropa gekommen und hätten sich im Voralpenland niedergelassen.

Nach dem Bau der Autobahn 10 von Kaohsiung nach Meinong löst sich das ehemals geschlossene Siedlungsgebiet der Hakka auf. Der schnelle Weg in das Herz der Großstadt und günstigere Baulandpreise führen zu größerer Mobilität und veranlassen viele, egal ob Hakka oder nicht, sich dort niederzulassen oder wegzuziehen. Damit geht nicht nur der Gebrauch der eigenen Sprache der Hakka, sondern auch ihre althergebrachte Kultur zurück.

An der Gleisseite fuhren früher die Züge nach Jiuqutang (九曲堂), wo in die Hauptbahn zwischen Pingtung und Kaohsiung umgestiegen werden konnte. In der Gegenrichtung nach Osten ging es für Güter noch zur Zuckerfabrik und weiteren Orten, wie Meinong.

Der Ausschnitt des alten Stadtplans zeigt im Bahnhof Chihshan immerhin vier durchgehende Gleise und ein Gütergleis westlich vom Empfangsgebäude. Offenbar sind auf der südlichen Seite weitere Abstellgleise und ein zweigleisiger Lokschuppen.

Östlichen vor dem Bahnhofsgebäude zweigt die etwa 16 km lange Strecke in Richtung Xīnzhuāng (新庄) ab und kreuzt den kleinen Bahnhofsvorplatz nach Norden.

Zur besseren Orientierung finden sich bei Su Yi-Chao (蘇奕肇) einige alte Karten mit dem Netz und der Lage der Zuckereisenbahnen im Jahr 1978. Für 2006 ist um Chihshan und Pingtung nur noch die abgebaute Strecke eingezeichnet.

Seit 1979 ist der gesamte Betrieb eingestellt. Einige Jahre später wurden alle Gleise entfernt. Das Gebäude verfiel. Im Jahr 2005 wurde der Bahnhof als historisch bedeutsames Gebäude für damaligen Landkreis Kaohsiung eingestuft. 2009 waren die Reparaturarbeiten zum dauerhaften Erhalt abgeschlossen.

Das Gebäude wird heute unter anderem dafür genutzt, Chishan als ein in Taiwan bekanntes Anbaugebiet für Bananen touristisch zu vermarkten. Drinnen können zum Beispiel leckere Bananenchips erworben werden. Es dient ansonsten als kleine Ausstellungshalle und gibt Gelegenheit zur Rast am Ende der quirligen Gastronomie- und Einkaufszone im Ortszentrum.

Reste der geschlossenen Zuckerfabrik in Qiwei auf der gegenüberliegenden Flussseite - Auch ohne Giya Bingshia gab es Eiscreme, nämlich in der Verkaufshalle der Zuckergesellschaft TSC auf dem früheren Werksgelände.

Neben der Verkaufshalle, dem schicken Hua Xing Motel (旗山花鄉汽車旅館, mit Hello-Kitty-Zimmer, dazu ein anderes Mal mehr), gab es noch ein paar Eisenbahnrelikte, wie die alte Dampflok 354, gebaut 1948 von Tubize in Belgien, die wohl ursprünglich in Nanzhou (州糖) im Einsatz war.

Freitag, 12. Juli 2013

Chinesisches Frühstück in Bayern

Apartheid am Morgen?

Laut Spiegel-Online soll ein bayerisches Hotel die anderen Gäste auf die in der Frühstückszeit bis 7.30 Uhr erwarteten Chinesen und ihre Tischsitten hinweisen. Wer fremdartigen Verhalten entgehen will, kommt besser später.

Bayerisches Frühstück taiwanischer Selektion – Ohne unangenehm aufzufallen genossen wir im vergangenen Herbst unserer Frühstück trotz einer Staatsangehörigkeit der Republik China.

Meine Frau wies mich auf den Artikel und die darunter folgenden klassisch deutschen und amüsanten Kommentare hin, die von Fremdschämen und Rassismus bis zur Empörung über die fehlende Integrationswilligkeit der ausländischen Reisenden variieren.

Wellness-Frühstück bei Lao Wu – Unter den Hotelgästen erschien beim Frühstück nur das Paar vom chinesischen Festland förmlicher mit Krawatte und Kleid. Ich kann versichern, dass das Benehmen sämtlicher Gäste auch für die bayerischen Frühstückszeiten nach 8 Uhr angemessen war. Nur mit einem Kegelklub aus Hintermoching auf versehentlicher Alternativreise zu El Arenal, hätte ich den Frühstücksraum ungerne geteilt.

Wie empörend das Verhalten integrationsfeindlicher Touristen sein kann, hatte ich bereits im heiligen Land bei einer Rundreise vor mehr als einem Jahrzehnt erlebt. „Kein Problem, westliche Frauen können ohne Kopftuch in den Felsendom“, sagte der Reiseführer. Hätten wir sie nur nicht herein gelassen! Keifende Pilgerinnen aus dem moslemischen Hinterland gingen aus sie los und riefen zum Dschihad auf.

„Im Ramadan darf tagsüber nicht gegessen, getrunken, getanzt und nicht gelogen werden“, sagt der lokale „Guide“ arabischer Herkunft auf dem Plateau des Tempelbergs zur Reisegruppe. „Wie lustig“, kicherte eine Reiseteilnehmerin, „nur tagsüber nicht lügen...“ Buff, gingen die klappen bei dem älteren Herrn runter, der zuvor so entspannt wirkte: „Wenn sie unsere Religion nicht akzeptieren, dann....“ und so endeten sein Vortrag und die Führung abrupt.

Vielleicht hätte ein Absatz im Vertrag zwischen lokalem Führer und Reiseveranstalter geholfen, dass Kichern und abartiger Humor bei christlich geprägten Ausländern vorkommen können, ohne dass diese die Absicht haben, den Islam und seine Gläubigen zu beleidigen oder ihnen despektierlich gegenüberzutreten. So hätten Missverständnisse zumindest in diesem Fall vermieden werden können.

Oder umgekehrt, wie am Felsendom, wo einige Jahre später offenbar deutlich stärker stärker durchgegriffen wird und Touristinnen, überspitzt bis zu den Haarspitzen in Bettlaken gehüllt werden.

Haare zeigen ist auch in Taiwan verpönt. Dezent freundlich weist der Bademeister die beste Ehefrau von allen darauf hin, dass der Ausländer mit schütterem Haar eine Kappe braucht. Das gab es seit meinem Schwimmunterricht in der Grundschule nicht mehr!

Vielleicht lässt sich hiermit die Invasion von Touristen aus China bändigen, ohne zum Frühstück in die Apartheid zu verfallen: “请勿 打饱嗝“ Einfach ausdrucken und auf die Tür zum Frühstücksraum kleben!

Sonntag, 30. Juni 2013

Der Bahnhof von Jhutian (竹田車站)

Modell und Wirklichkeit

Nachdem sich die letzten drei Beiträge ernsten und traurigen Fragen widmeten, ist jetzt noch etwas Zeit, zu bevorzugten Themen über Schienenverkehr und Modellbahn zurückzukehren. Den Impuls gab auch die kürzliche Wiederholung der TV-Sendung "Mit dem Zug durch ... Taiwan" im deutschen Fernsehen.

Der Bahnhof von Jiji (集集) ist ein Touristenziel erster Klasse in Taiwan. Um das historische Bahnhofsgebäude herrscht eine Geschäftigkeit, die einem Jahrmarkt ähnelt. Beim Streifzug durch den Südwesten der Insel im vergangenen März war ich zum dritten Mal in dem turbulenten Städtchen, wobei sich die ansässigen Unterhaltungsbetriebe, Läden, Restaurants und das Warenangebot ständig wandeln.

So sieht das „Geisterhaus“ gegenüber dem Bahnhof jedes Mal schrecklicher aus.

Neue „Highlights“ waren im März die laut knatternde Go-Cart-Bahn mitten in einem reinen Wohngebiet und - etwas netter und wiederbelebt - ein Dampfzug entlang der Hauptstraße auf schmaler Spur.

In der Verkaufshalle für Souvenirs am Bahnhof fand ich kleine Miniaturbahnhöfe bekannter taiwanischer Stationen, also nicht nur Jiji sondern zum Beispiel auch Chishan, Wushulin, Hsinchu, Kaohsiung, Tainan. Das Modell des historischen Bahnhofsgebäudes von Jhutian gefiel mir besonders gut und erinnerte mich an meinen Besuch dort im April 2007.

Japanisch geprägte Bahnhofarchitektur im Modell. Aber wie genau ist die Nachbildung?

Bei Betrachtung des Originalgebäudes fallen doch sehr unterschiedliche Proportionen und die fehlende Filigranität des Modells sofort auf. Es ist einfach zu klobig und gestaucht. Lediglich Dachformen, Farbgebung und die grundsätzliche Komposition des Gebäudes sind stimmig. Aber was ist schon bei einem Preis von rund 2 Euro zu erwarten.

Der Bahnhof von Jhutian im Landkreis Pingtung wurde 1919 errichtet. Von hier aus wurden die landwirtschaftlichen Güter des Ortes versandt. Hotels und ein Badehaus waren in der Nähe. Mit dem Strukturwandel im Verkehr, mit mehr Lastkraftwagen und individueller Mobilität verlor der Bahnhof an Bedeutung.

Die Bürgerschaft kämpfte für den Erhalt des hölzernen Bahnhofs, der so viel Bedeutung für die Lokalgeschichte und die Menschen vor Ort hatte. Heute sind sogar noch feine Details, wie etwa Bahnsteigsperre, das historische Bahnhofsschild oder eine alte Waage. Die Gebäude und benachbarten Flächen wurden zur Parkanlage und zum Kulturzentrum für den Ort aufgewertet. Hier befindet sich auch die umfangreiche Bibliothek von Dr. Ichiro Ikegami, einem japanischen Militärarzt, der in Taiwan wirkte und armen Menschen auf der Insel half. Seine wertvolle und umfangreiche Sammlung japanischer Bücher, ist der Öffentlichkeit in Jhutian heute zugänglich.

Vom Bahnbetrieb ist wenig übrig. Er beschränkt sich heute auf ein Gleis und den Stopp von Lokalzügen im Streckenabschnitt zwischen Kaohsiung und Fangliao.

Der Betonkubus am Ende des Bahnsteigs im Hintergrund ist jetzt der „Servicepoint“ mit Unterstand für die Passagiere, Fahrkartenverkauf und Automaten. Viel Eisenbahnromantik gibt es da nicht mehr, wenn der Zugchef für die reibungslose Abwicklung des Zughalts sorgt.

Für die Menschen hängen viele Erinnerungen an ihrem kleinen Bahnhof. Das Foto findet sich an einer Fassade gegenüber dem Stationsgebäude. Es zeigt die Rückkehr einer verheirateten Tochter mit ihrem Kind zu ihrer alten Familie am 2. Tag des chinesischen Neujahrsfestes. Die Frau trägt die Festtagstracht der Hakka, einer Volksgruppe, die in Jhutian lebt. So danken die Menschen der Eisenbahn, die sie immer wieder zusammengeführt hat.

Abschied, Schmerz und Hoffnung (II)

Der Tag der Bestattung

Um 6.30 Uhr in der Frühe trifft sich die Familie am Tag der Bestattung. Um Unglück zu vermeiden, erhält jeder Teilnehmer an der Trauerfeier zwei kleine Zweige mit Blättern und eine Münze für die Hosentasche.

Das riesige Zelt, das die gesamte Straßenbreite ausfüllt, ist jetzt komplett und opulent ausgeschmückt. Wie ein Tor zu einer Stadt der Trauer ist nun der Eingang zum Zelt hergerichtet. Das Portrait des Verstorbenen befindet sich auf der anderen Seite des Zeltes in einer gewellten, wunderschönen Landschaft aus Pflanzen und Blumen. Davor ist ein Tisch mit Weihrauchbehälter und anderen sakralen Gegenständen. Reihen von stoffüberzogenen Stühlen füllen den Rest des Zeltes aus. An den Seiten stehen die Blumengestecke.

Das die engeren Familienangehörigen wie an den Vortagen Trauerkleidung anzuziehen hatte, war mir klar. Es gab wieder weiße Hosen und Sweatshirts für alle Söhne, Schwiegertöchter, Töchter und Kinder der Söhne, darüber ärmellose Jutejacken, Kapuzen für die Frauen und zusammengenähte Mützen für die Männer. Während Söhne und Schwiegertöchter hellbraune Jute bekam, trugen ihre Kinder und die Töchter des Verstorbenen die gleiche Überbekleidung, aber in einem gelblicheren Gewebe. Diesmal wurden auch die drei Schwiegersöhne ausgestattet. Aus weißen Gewebe gab es ärmellose Jacken, einen Gürtel und Mützen.

Zunächst folgten im Trauerzelt weitere Zeremonien und Riten mit den Priestern des Beerdigungsinstituts. Ein Sprecher, sehr im Stil nordamerikanischer Prediger, leitete den Ablauf und sprach über den Verstorbenen. Die religiösen Handlungen nahmen die anwesenden Priester vor. Während von den näheren Verwandten die Frauen links vom Weihrauchbehälter standen, stellten sich die Männer rechts auf. Die weiteren Trauergästen nahmen auf den Stühlen Platz.

Im zweiten Teil der Trauerfeier sagten alle Gäste in Gruppen oder als Einzelpersonen dem Verstorbenen Dank oder erwiesen ihm die Ehre. Die vortreten wollten, hatten sie sich zuvor in einer Liste registriert. Nicht nur entfernte Verwandte, Freunde oder Nachbarn gehören dazu, sondern auch der Ortsbürgermeister, politische Parteien, Verbänden, Vertreter aus dem Unternehmen, in dem der älteste Sohn beschäftigt ist, und andere.

Zum Ende der Feierlichkeiten im Trauerzelt wurde der Sarg, der sich zuvor hinter der Blumenlandschaft verborgen im letzten Abschnitt des Zelts befand, in den Leichenwagen des Beerdigungsinstitutes, einem schweren amerikanischen Straßenkreuzer, geschoben. Überhaupt wird der Sarg meistens verborgen und man wendet sich möglichst von ihm ab.

Der Trauerzug bildete sich. Die Rolle der drei Schwiegersöhne - einschließlich meiner Person - war es nun, den Trauerzug anzuführen. Dabei ging der älteste Schwiegersohn (大姐夫) an der Spitze und streute Opfergeld auf die Straße. Ihnen folgte eine Musikgruppe und der Leichenwagen. Dahinter waren die nahen Verwandten und die anderen Trauergäste.

Nach einigen hundert Metern wurde am Rand des Dorfes in einen Bus umgestiegen. Dem Leichenwagen folgend ging die Fahrt zum Krematorium.

In ersten Wagen saß neben dem Fahrer auch der älteste Schwiegersohn. Bei geöffneten Fenster streute er weiter Opfergeld auf die Straße, bis das Ziel erreicht war. Im Krematorium ging dann alles ganz schnell. Als wir eintraten, befand sich der Sarg bereits auf dem linken Fördergestell zu einer der drei Feuerkammern. Die Halle war groß und schmucklos. Um die Klappen zu den Feuerkammer war die Wand von der Hitze geschwärzt. Diese Fabrikatmosphäre war schon grenzwertig, um dem Verstorbenen einen angemessenen letzten Abschied zu geben. An der rechten Feuerkammer hatte gerade eine Trauergesellschaft den Körper ihres Lieben den Flammen übergeben. Diese Gruppe erschien übrigens deutlich westlicher gekleidet. Das Krematorium bietet auch die Möglichkeit zur Verbrennung von Opfergaben, was wir bereits am Vortag im heimischer Umgebung erledigt hatten. In Kaohsiung sind Feuerbestattungen kostenfrei, weil damit Flächen gespart werden können und Problemen einer geeigneten Bodenbeschaffenheit für Friedhöfe aus dem Weg gegangen wird. Einige Wochen später erschien in der Lokalpresse ein Bericht über das Bochumer Krematorium, wo die Stadt als Betreiber medizinische Prothesen der Verstorbenen, insbesondere die Edelmetalle daraus, ohne Wissen und Einverständnis der Angehörigen noch für die eigenen Finanzen vergoldet wird. Ob das in Taiwan so ähnlich läuft?

Die drei Priester des Bestattungsinstituts leiteten für uns im Krematorium die Zeremonie vor dem Sarg mit Danksagungen, Verbeugungen mit Räucherstäbchen und Niederknien. In der ersten Reihe standen die Söhne und der erstgeborene Enkelsohn, dann folgten Schwiegertöchter und weitere Kinder der Söhne, die Schwiegertöchter und anderen Trauergäste. Der erstgeborene Sohn trug wieder den Fetisch vom Vortag. Wir dankten und verabschiedeten uns wieder gegenüber dem Verstorbenen und warfen uns vor ihm auf den harten und staubigen Boden des Krematoriums. Beim Aufstehen war der Sarg aus edlem Holz, in Papier gehüllt und mit gefaltenen Papierlotusblüten geschmückt, bereits hinter der geschlossenen Feuerkammertür verschwunden.

Mit dem Bus ging es sofort zurück. An jeder Straßenkreuzung und Brücke wurde der Verstorbene angerufen. Bei der Ankunft war das große Trauerzelt schon fast wieder abgebaut. Alle Trauergäste wuschen sich symbolisch mit Wasser aus Eimern und aßen von einem großen Kuchen. Bei der Verabschiedung gab es für die Gäste Päckchen, gefüllt mit Kuchen und süßen Milchtee, beziehungsweise zur Danksagung auch einen Kartons mit Handtüchern. Der Priester reinigte nun die Straße mit Wasser und Glockenläuten von allem Bösen. Die noch anwesenden Verwandten aßen zur mittlerweile erreichten Mittagszeit gemeinsam Reis und eine süßsaure Gemüsesuppe.

Die Berge im Rücken, das Meer vor sich - Beerdigungsstätten wie nahe Kending mit so einem guten Feng Shui sind ein Ideal, das sich nur frühere Generationen leisten konnten. Heute sind solche Ruheplätze für fast alle Taiwaner unerreichbar. Der moderne Staat fördert massiv Feuerbestattungen.

Die Söhne und der Sohn des Erstgeborenen fuhren am frühren Nachmittag mit einem Wagen des Beerdigungsinstituts zurück zum Krematorium, um die erkaltete Asche und Überreste in die Urne zu füllen und abzuholen. Das Aufnehmen der Knochen ist dabei eine wichtige Handlung.

In der Zeit waren die anderen Verwandten bereits auf dem Weg zum Beinhaus. Beinhäuser sind für viele in Taiwan offenbar eine Kapitalanlage, denn die kleinen unbelegten Ruhestätten können zu einem höheren als den Erwerbspreis später weiter veräußert werden. Der Preis soll sich dabei nach der Lage im Gebäude richten. Die Anlage, zu der wir fuhren, hatte zwei große Turmbauten und dazwischen einen Tempel mit drei großen Statuen im Inneren.

Jeder der gewaltigen Türme hat etwa sieben bis neun Stockwerke. Ähnlich einem Archiv sind im Inneren enge Gänge mit Kassettenschränken, die tausende von Urnen aufnehmen kann. Neben dem Treppenhaus verfügten die Türme auch über eine Aufzugsanlage. Nach einer Zeremonie im Tempel wurde die Urne zu ihrem Platz gebracht. Die Priester segneten den Ort und jeder verabschiedete sich nochmals vom Verstorbenen. Nachdem ich als letzter Trauernder passiert hatte, schloss der Wärter die Kassette.

Zurück im Dorf wurden noch die Gaben für den Verstorbenen aufgeteilt. Dabei waren viele zweckmäßige Dinge, die ihm im Jenseits zu Gute kommen, wie Lebensmittel, Nudeln, Öl oder Getränke. Möglichst am gleichen Tag ging der Weg der Söhne noch für einen Kurzhaarschnitt zum Frisör und der Rasierer wurde auch wieder benutzt. Für die kommenden Monate gab es einen Plan vom Bestattungsinstitut, welche religiösen Ämter und Dienste für den Verstorben erfolgen müssen. Am Hausschrein wird ihm gedacht und so bleibt er zwischen uns, teilt mit uns die Träume und Gedanken.