Mittwoch, 30. April 2014

1st of May - Hongkong Street Pee Day

Nicht ohne meinen Hund

Eine Besonderheit der hiesigen Kultur sollte es nach meiner Frau sein (und dem konnte ich in früheren Jahren zustimmen), dass es Menschen in Deutschland sehr mögen, Mitmenschen bei ihrem Fehlverhalten herauszustellen. Mittlerweile hat sich diese verbreitete Verhaltensweise nach meiner Einschätzung verändert. Wen stört es noch, wenn das Gegenüber bei Rot über die Straße geht, während man selber langer bei leerer Straße auf das Grünlicht wartet? Ich kümmere mich nur noch um meinen Kram und folge dem eigenen Gewissen. Andere darauf hinzuweisen, dass in Zügen das Rauchen nicht verboten ist, ist gar keine gute Idee, wenn man das eigene Leben und die Gesundheit nicht in Gefahr bringen will. Jemanden im morgendlichen Berufsverkehr am Bahnsteig auf den „Rauchfreien Bahnhof“ hinzuweisen, wo das Rauchen tatsächlich gar nicht frei ist, bedarf schon eines großen Einfühlungsvermögen, geschickter Rhetorik und dem Beherrschen einer wirksamen Deeskalationsstrategie. Nur so kann man erfolgreich zu sein und den Mief aus der Nase bekommen.

Da ist Asien mittlerweile deutlich besser beim „Point Out“ drauf. Durch die Nachrichten und Videoportale geht die Geschichte, einer Familie in Hongkong, die ihr Kleinkind in der Not auf die Straße hat pinkeln lassen. Diesen unanständigen Akt haben Nebenstehende zum Anlass genommen, ihre Kameras drauf zu halten und deutlich zu machen, dass sie ein solches Verhalten nicht akzeptieren. Und schon war das Theater da.



In den Kommentaren gehen, dies zum Anlass nehmend, nun Hongkonger gegen Chinesen an. Wobei die Hongkonger natürlich auch Chinesen sind, partiell sogar echte Festlandschinesen, wenn man von den Bewohnern der Inseln und Inselchen vor der Küste mal absieht. Zudem sind alle, also Leute in Hongkong und die anderen, in der Region Kantonesen.

Das lassen sich Chinesen, die sich nicht als Hongkonger fühlen, nicht gefallen und rufen zum Pinkeltag am 1. Mai in Hongkong auf, der in China Feiertag ist und deshalb geradezu zum Reisen und Besuch von Hongkong einlädt.

Aus eigener Erfahrung ist von Luo You zur ergänzen, dass die Grenzkontrollen zwischen der Sonderverwaltungszone Hongkong und Shenzhen deutlich laxer sind als zwischen dem Gebiet von Shenzhen zum Rest von der VR China. Ebenso verhält es sich mit dem gefühlten Wohlstandsgefälle zwischen den drei Gebieten in dieser Region. Da sind Hongkong und Shenzhen etwa auf dem gleichen Niveau. Also es gibt in dem Sinne durchaus Hongkonger außerhalb von Hongkong, während wohl auch Hongkonger Straßen benässende Chinesen sein könnten.

Auch in Deutschland gab es in früheren Jahren die Diskussion, ob es wirklich so schlimm ist, seinem Kind in einer Notsituation nicht zuzugestehen, in die Gosse zu pissen. Viele Hundebesitzer haben überhaupt keine Skrupel ihren besten Freund überall kacken zu lassen. Warum sollten Tiere mehr Rechte als Menschen haben? Warum darf das Tier für sein Wohlbefinden sorgen, während den kleinen unausgereiften Mitbürgern aufgenötigt wird, die Blase und Öffnungen zusammenzupressen?

Herr und Hund – Auch Taiwaner sind Chinesen, ethnisch gesehen und auch nur teilweise. Zumindest hat er die Hundekacke danach etwas beiseite geschoben. Und das auf dem Schmalspurgleisen einer der letzten in Betrieb befindlichen Zuckerrohrbahnen! Der Eisenbahnfan war schockiert.

Lass mich kacken, blöder Turi! Hier fotografiert mal umgekehrt der Zugereiste den Ansässigen und zeigt es im Internet.

Bei soviel Freiheit für Hunde im asiatischen Raum und Rücksichtslosigkeit gegenüber Kindern, die bei dem Fall in Hongkong für ihr Leben schreiend traumatisiert sein dürften, verwundert es nicht, das gleich auf Kinder verzichtet wird. Dann kommt besser der Hund in den Kinderwagen, wie hier in der Dream-Mall von Kaohsiung gesehen.

Dienstag, 29. April 2014

Im Zentrum der Macht

Aufgeräumte Baustelle mit Käsekuchen

Sogar chinesischsprachige Medien berichteten darüber, dass Berlin etwa 2 Millionen Besucher an den Ostertagen erwartete. Dementsprechend voll war es zwischen Kurfürstendamm und Alexanderplatz. Ein scheinbar endloser Strom von Asiaten, Süd- und Nordamerikanern, Holländern, Italienern, Osteuropäern, Inländern aller Dialekte und sonstiger „Turistas“ in Doppeldeckerbussen, per Pedes, in U- und S-Bahnen bewegte sich über die ausgetretenen Pfade der Neugierigen in Berlin. Auch Luo You tauchte an diesen Tagen in die deutsche Metropole ein.

Ruhig und aufgeräumt wirkt zwischen modernen Monumentalbauten, Beton und Schotterwegen das Bundeskanzleramt, in dem die für einige Menschen als mächtigste Frau der Welt geltende Regierungschefin ihren Sitz hat. Es sind Osterferien. Nur die Schweizer Botschaft zeigt mit großer Flagge Präsenz im Spreebogen.

Eine Kultur der Vielfalt – Italienisches Speiseeis mit Parkschein belegt vor dem würdevoll-historischen Ort wie offen und locker Deutschland geworden ist. Optimal am Trampelpfad zwischen dem neuen Hauptbahnhof und dem Brandenburger Tor gelegen sind bei heißem Wetter beste Umsätze garantiert. Im Hintergrund demonstrieren einige Staatenlose mit russischer Flagge gegen ihre Staatenlosigkeit und wie selig das politische Leben in Deutschland ist: keine Sonnenblumenbewegung, kein Maidan (Майдан Незалежності), kein Erdogan, keine bizarren Todesurteile gegen Moslembrüder trüben die heile Welt.

Eine Ex-Ministerin und Bundestagsabgeordnete plaudert vor leuchtenden Teletubby-Tulpen am Pariser Platz. Kann der politische Frühling schöner sein?

Sogar die Brüder und Schwestern aus der Volksrepublik finden ihre politische Heimat in Berlin. Der Kommunismus lebt! Obwohl das Marx-Engels-Forum 2010 aus seiner zentralen Position in die Ecke geschoben wurde und heute nach Westen statt nach Osten blickt, wird es dennoch gut in der Mitte Berlins gefunden. Es bleibt abzuwarten, in welcher Weise der Westen genüsslich-zerstörisch, den Sieg langsam und voll auskostend - wie bei der Demontage des Palastes der Republik - mit den Skulpturengruppe als Relikt der verhassten DDR umgehen wird.

Wenn etwa 2018 das neue Berliner Stadtschloss voll errichtet ist, sollte es an die Gestaltung des Umfeldes gehen. Zur Zeit wächst noch der Rohbau, damit die potenten monarchistischen Ziele in dieser Gesellschaft angemessen stark materialisiert werden können. Adel gibt es noch genug in Deutschland, der über Grundeigentum und Beziehungen von Generationen aus ruhmvoller Vergangenheit, etwas versteckt an vielen Orten politisch maßgeblich die Fäden ziehen kann. Die temporäre Humboldt-Box mit Ausstellungsräumen, Café und Restaurant im obersten Geschoss lässt vor der Baustelle die künftigen Proportionen des Baukörpers erahnen. Das Schloss wird etwas höher als die Box und den Stadtraum zwischen Berliner Dom, alten Museum und Zeughaus schließen. Das ethnologische Museum, was sich heute in Dahlem befindet soll unter anderem die Räumlichkeiten im neuen Schloss nutzen.

Luo Yous Meinung ist: Baukörper ja, Schloss nein. Zwar habe ich jetzt schon freiwillig durch das Eintrittsgeld und den Verzehr in der Humboldt-Box, aber dies geschah nur aus Neugierde und Wissendrang, aber in keiner Weise aus dem Willen heraus dieses rückwärts gewandte Gebilde finanziell fördern zu wollen.

Mit der Sprengung des Stadtschlosses ist seine Entwicklung abgeschlossen gewesen. Tote soll man nicht wieder zum Leben erwecken wollen. Heraus kommt nur ein Frankenstein. Jetzt fehlte nur noch Marx und Engels, so wie es diesem Herrn erging, einzuschmelzen und einen Kaiser Wilhelm daraus zu machen.

Wäre es dann nicht auch angemessen dem Adel die feste politische Rolle wiederzugeben, die er über Jahrtausende in Deutschland hatte? Ein politisches Staatsoberhaupt zu installieren, dass von Geburt an auf diese schwere Aufgabe professionell vorbereitet wird und den Job nicht bereits ruhestandsfähigen, berufsfremden Seiteneinsteigern zu überlassen?

Dienstag, 8. April 2014

Ein Herz für Taiwan

Schwarzer Strom Kuroshio (黒潮) oder KMT (Killing My Taiwan)?

Luo Yous schwarzes Hemd mit Herz – Bei genauerem Hinweisen wölbt in der Mitten von Taiwan sogar das Zentralgebirge auf.

Die schwarze Strom, der Kuroshio (黒潮), beginnt im Pazifik vor Taiwan, fließt nordostwärts an Japan vorbei und mündet dort in die Nordpazifische Strömung, die sich vor Kanada in Richtung Kalifornien und Alaska aufteilt. Ähnlich wie der Golfstrom im Atlantik bringt der schwarze Strom tropisch aufgewärmtes Wasser in Richtung der Polargebiets. Er führt unter anderem dazu, dass in Japan die nördlichsten Korallenriffe auf dem Planeten wachsen können.

Die schwarzen Hemden der Demonstanten bei der Sonnenblumenbewegung symbolisieren wohl weniger, so in der TAZ zu lesen, wie ernsthaft die Demokratie sich in der Krise befindet. Sie stehen vielmehr in Anlehnung an den schwarzen Kuroshio für die Vereinigung vor Taiwan und für eine beständige Strömung in Richtung der gefestigten Demokratien in Japan, Kanada und den USA.

Bleibt zu hoffen, dass auch nach der Räumung der Parlaments durch die Sonnenblumenbewegung die Begeisterung für die Fortentwicklung der taiwanischen Demokratie – so wie der Kuroshio – nicht abkühlt. Wenn der china-nahe Präsident Ma Ying-Jeou (馬英九 / Mǎ Yīngjiǔ) dadurch verliert und seine kritischen Gegenspieler, wie der Parlamentspräsident Wáng Jīnpíng (王金平), ihre Position im Ansehen der Bevölkerung verbessern, ist dies meiner Meinung nach schon ein Gewinn für ein weiterhin unabhängiges und freies Taiwan.

Der Sitz des Präsidenten der Republik China auf Taiwan - Auch außerhalb politisch unruhiger Zeiten lauern Regierungsagenten in Zivil den Fotografen vor dem Geheimpalast auf. Wer respektvoll Abstand hält, wie diese vorbildliche Reisegruppe vom kommunistisch regierten Festlands China im Januar 2010, bleibt unbehelligt. In der schwarzen Strömung der Demokratiebewegung untergehen sollte farblich zumindest die Flut „roter“ oder „gelber“ Touristen. Ob das auch mit den „goldenen“ Verlockungen einer politisch-wirtschaftlichen Annäherung passieren wird?

Montag, 31. März 2014

Der Ursprung der Wale

Keine wirklich guten Nachrichten

Für nur 48.000 chinesische Renminbi (5.608,44 Euro nach heutigem Kurs) nach Taiwan auswandern? Mit einem Geschäftsvisum und danach einer ständigen Aufenthaltsgenehmigung beim Immobilienkauf? In den Genuß einer guten Krankenversicherung und medizinischen Versorgung kommen? Keine Geburtenkontrolle und 12 Jahre Schulbildung auf Staatskosten? Familienzusammenführung auf Taiwan? Die Chance, dass alle Familienangehörigen ein Geschäft gründen können? In Taiwan geborene Kinder die Staatsangehörigkeit der Republik China erhalten?

Die Volksrepublik China muss schlimm sein, dass so für eine Auswanderung nach Taiwan geworben wird, über die Fu Ludigel in seinem Blog schrieb.

Und was machen die Taiwaner? Nicht nur der beliebte Blogger und eine meiner Nichten protestieren, sondern auch zigtausende andere Menschen gingen gegen die Annäherung an die Volksrepublik China in Taipei auf die Straße.

Aber es gibt auch bessere Nachrichten vom heutigen Tage. Nach Auffassung des internationalen Gerichtshofs in Den Haag muss Japan die Jagd auf die Wale in der Antarktis beenden.

Vor dem Aquarium von Hengchun zeigen sich beeindruckend die mächtigen Meeressäuger als sprudelnd-spritzende Skulpturen.

Dabei trägt Taiwan durchaus eine Mitschuld am früheren Abschlachten der Wale, sei es durch die Nachfrage für die Küche im Land, wie auch durch Fangpiraterie und eigene Jagd. So sah der Autor vor einigen Jahren in einem Restaurant, das so heute nicht mehr besteht, nahe einem kleinen Fischerhafen bei Kending ein historisches Foto von der Anlandung eines großen Wals, von dem auch die Wirtin berichten konnte.

Die Entwicklung der Wale, so wie sie im Meeresaquarium illustriert wird, und ihre Gefährdung erinnert stark an Loriots wilden Waldmops dessen einstmals mächtige Schaufeln zurückgezüchtet wurden, da ein Zwölfender sich kaum zum Schosshund für ältere Damen eignet.

In Kombination mit dem, was das Besucherzentrum des Nationalparks Kending ausgestopft präsentierte, wird klar: Die Wale stammen vom taiwanischen Reh ab.

Bleibt für die Wale zu hoffen, dass sie weder zurückgezüchtet werden noch ihnen durch andere profitorientierte Walfängernationen an Stelle der Japaner der Garaus gemacht wird. Zudem stellt sich die Frage, wo es jetzt mit der japanischen Jagd weiter geht, wenn diese in der Antarktis beendet wird. Also, wirklich gut scheint diese Nachricht dann doch nicht zu sein.

Sonntag, 30. März 2014

Sonnenblumen in Bewegung

330 nach 228?

Den Sonnenblumen auf der schönen Insel, auf portugiesisch „ilha formosa“, im Pazifik gelegen, geht es bisher einigermaßen gut. Diese hier posten für das Foto in Chiatou im Dezember 2009.

Nach Normen und Regeln von ausreichender Rechtsstaatlichkeit können die Bauern die hübschen Blumen säen und ernten. Ohne einigermaßen gerechtes Verfahren und eine angemessene Entschädigung wird ihnen nicht der Boden zum Wachsen entzogen. Fast alle Menschen in ihrer Umgebung haben die Chance auskömmlich am Wirtschaftsleben teilzunehmen und ihre eigene Persönlichkeit frei zu entwickeln. Die Bürgerinnen und Bürger werden sogar alle paar Jahre gefragt, ob sie ihre Regierung behalten wollen oder lieber eine andere wählen. Wenn ihnen irgendetwas nicht passt und sie ihre Meinung sagen, verschwinden sie auch nicht mehr im Knast oder auf einer abgelegenen Gefangeneninsel wie dies vor vielen Jahren noch der Fall war.

Glückliche Hello-Kitty-Insel – Was stört uns der Rest der Welt?

Es könnte immer so weiter gehen, wenn es nicht einen Nachbarn gäbe, der glaubt, dass er das Recht hat, ungefragt über die schöne Insel zu regieren. Zudem hat das mehr auf Gier und weniger auf Teilen basierende Wirtschaftssystem im Zeitalter der Globalisierung die Inselbevölkerung ziemlich unter Druck gesetzt. Wenige profitieren davon, aber viele fragen sich, wie die zunehmende Konzentration von Kapital und wirtschaftlicher Macht enden soll. Während in früheren Jahrzehnten Taiwan sich durch die Anstrengungen und Entbehrungen sowie seinen Geschäftssinn und den mächtigen Freund USA jenseits des Pazifiks zur Wohlstandsgesellschaft heraufgearbeitet hatte, bringen die veränderten politischen und wirtschaftlichen Vorzeichen für die Zukunft große Risiken mit sich.

Der Schönheit am Strand nachzuschauen, ist der angenehmere Zeitvertreib als sich über die Motivation der Studenten in Taipei und die politischen Auswirkungen ihrer Aktionen nachzudenken.

Was der Reisende Anfang des Jahres ahnen und fühlen konnte, kam jetzt zum Ausbruch. Junge Menschen in Taiwan sind nicht immer so „Gaga“ und „Soft“, wie sie von den Medien gemacht werden sollen und wie sich sich vielleicht manchmal auch geben. Sie machen sich ernsthaft Gedanken über ihre Zukunft und auch die Entwicklung der demokratischen Gesellschaft auf Taiwan.

Dass Ma Ying Jeou versucht hat, die wirtschaftliche Entwicklung Taiwans durch eine größere Öffnung und einen stärkeren Opportunismus gegenüber China voran zu bringen, ist durchaus nachvollziehbar. Sie wird aber ihren politischen Preis haben. Dem internationalen Dogma einer ökonomischen Liberalisierung folgend ist dabei auch zu erwarten, dass nur wenige Große davon profitieren. Die Masse der Taiwaner wird voraussichtlich noch stärker unter Druck geraten, wenn es mehr Wettbewerb im Dienstleistungsbereich durch das „Cross-Strait Agreement on Trade in Services“ geben wird.

So steckt Taiwan gegenüber seinem Nachbarn Volksrepublik China in einer unangenehmen Zwickmühle zwischen der vermeintlichen Sicherung des wirtschaftlichen Wohlstands einerseits und andererseits der politischen Freiheiten.

Selbstverwaltung und Freiheit waren in Taiwan in vielen Jahrhunderten eine Utopie. Die Ureinwohner hatte es am schwersten getroffen. Seit der niederländischen Kolonisation im 17. Jahrhundert und der zunehmenden Besiedlung der Insel mit Han-Chinesen vom Festland befand sich ihre Kultur auf dem Rückzug. Nach der Übernahme der Insel 1895 durch die Japan ging ihre Autonomie vollständig verloren.

Als besonderer Stressfaktor kommt die wahrnehmbare Inaktivität des Westens bei der Einverleibung der Krim durch Russland während einer innenpolitisch schwierigen Situation hinzu. Entgegen völkerrechtlicher Verträge hat Russland gehandelt. Trotz Zusicherung hat die Ukraine keinen Beistand zum Erhalt ihrer territorialen Integrität bekommen. Um wieviel mehr ist das außenpolitisch isolierte Taiwan gefährdet: mehr als 23 Millionen Chinesen warten dort auf die Wiedervereinigung aus der Sichtweise der Volksrepublik. Dieses undemokratische Regime nutzt stets die Schwächen seiner Nachbarn aus, um seinen Machtbereich zu erweitern, wie dies beispielsweise bei den Spratly-Inseln geschehen ist.

Kanonen am Fort Zeelandia in Taiwan – Militärische Stärke ist immer noch ein probates Mittel der Politik wie zu den Zeiten der Holländer auf Taiwan ab 1642. Mit genügend Nachschub für den niederländischen Gouverneur Coyett im Jahr 1662 wäre Taiwan heute so unabhängig wie Indonesien oder Sri Lanka.

Scheinbar fällt es dem Westen überhaupt schwer zu verstehen, was in Taiwan abläuft, wenn selbst unter dem renommierten Titel der „ZEIT“ solch ein Artikel erscheint, der mehrfach von Kommentatoren korrigiert werden muss.

Am 28. Februar 1947 und in den darauffolgenden Tagen kämpften Taiwaner während des sogenannten „228 Zwischenfalls“ gegen eine repressive und korrupte Regierung. Nach diesem Aufstand ist der 228-Park in Taipei benannt. Für den Eisenbahn-Aficionado ist der Park deshalb so interessant weil hier zwei Museumsloks in einem Glaspavillion aufgestellt sind. Eine davon ist die erste Lokomotive Taiwans, die „Teng Yung“, gebaut bei der Firma Hohenzollern in Düsseldorf 1887.

Sicherlich ist die heutige Situation mit der vom 28.2.1947 überhaupt nicht zu vergleichen. Heute geht es um einen politischen Richtungsstreit, der durchaus noch eskalieren kann. Taiwan steht unter Stress. Aber ein „330“ als neues „228“ wird daraus nicht entstehen. Dafür sind die Ausgangsbedingungen ganz andere: Ma Ying Jeou ist zwar unpopulär, aber von der Mehrheit der Bevölkerung fair gewählt und es gibt eine funktionierende Opposition.

Wer der hohen Politik seine Meinung sagen will, kann mit den taiwanischen Student für die Rettung der Demokratie in Frankfurt heute Mittag demonstrieren. Gestern habe ich leider die Chance verpasst mein „Free Taiwan“-Schild Xi Jinping bei seiner Fahrt durch Düsseldorf vor die Nase zu halten. Der Schlüssel zur Lösung der politischen und wirtschaftlichen Fragen Taiwans liegt nun einmal in China. Demnächst kann dann vor dem neuen chinesischen Konsulat in Düsseldorf protestiert werden, das Anlass des Besuchs von Xi in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt war.

Es bleibt zu hoffen, dass so bald kein Taifun über die formose Insel ziehen wird und die hübschen Sonnenblumen einknicken lässt.

Freitag, 28. Februar 2014

Pandaesser

Warum denken Taiwaner immerzu an Nahrungsaufnahme?
Oder „Lí chia̍h pá bōe (你食飽未)?“


Tuan-Tuan und Yuan-Yuan heißen die beiden Pandas im Zoo von Taipei; Tuán Yuán (團圓) bedeutet Wiedervereinigung. Damit ist die politische Botschaft klar, die mit der Überlassung der zwei Tiere aus der Volksrepublik China nach Taiwan im Dezember 2008 verbunden war. Im Gegenzug gingen ein paar endimische Rehe und Wildziegen von Taiwan auf das Festland.

Um das Glück zu komplettieren, bekamen die beiden Pandas in Taipei am 6. Juli 2013 Nachwuchs. Das Leben der neugeborenen Bärin Yuán Zǎi (圓仔) kann auf der Seite des Zoo Taipei auf youtube detailliert verfolgt werden. Am 6. Janjuar 2014 hatte Yuan Zai dann ihren ersten öffentlichen Auftritt im Pandahaus des Zoos.

So begleitete nicht nur die gelbe Ente medial denjenigen, der vor einigen Wochen in Taiwan war. Auch dem Thema „Panda“ wurden viele Sendeminuten im Fernsehen und Seiten von Spalten in den Zeitungen gewidmet.

Und an was denken dabei Taiwaner? Fast schon natürlich wird umgehend eine Verbindung zum Essen hergestellt. Noch bevor Yuán Zǎi auftrat, konnte sich der Leser der China Times im Dezember 2013 die junge Pandabärin schon kleingemacht und gut durch im Dampfkorb aus Bambus vorstellen.

So ist das im chinesischen, ja im menschlichen Kulturkreis: Da ersticken die Leute in den Metropolen Chinas an Abgasen, die Lebensräume wildlebender Tiere werden täglich zerteilt, umgenutzt und vernichtet, und dazu sagen viele nur, wie niedlich das künstlich erzeugte und eingesperrte Pandababy im Zoo ist. Lasst die Viecher frei! Stoppt die Umweltzerstörung und schützt ihre Gebiete!

Mehr Pandas, mehr Essen – Kindersitze im Speisessaal von Lao Wu, gesehen im März 2013.

Montag, 17. Februar 2014

Was macht eigentlich der Babbeltee?

Der Perlenmilchtee im Jahr 2014

Im Mai und folgenden Sommer 2012 war auf deutschem Boden der Perlenmilchtee(珍珠奶茶 / Zhēn Zhū Nǎi Chá) fast in aller Munde. Das auch Babbeltee oder „Bubble Tea“ genannte Getränk taiwanischer Herkunft bewegte nicht nur Franchisenehmer und Fast-Food-Restaurants, sondern auch wissenschaftliche Institute und Verbraucherschützer. Teestationen in Läden und bei Mc Donalds öffneten in dem Maße wie die Pilze aus dem Boden schießen.


In einem Einkaufzentrum irgendwo in Westdeutschland zur Vorweihnachtszeit 2012 – Die sommerliche Nachfrage und Neugier auf das poppige Erfrischungsgetränk, das passend zum zeitgleichen Gangnam Style etwa von MCD beworben wurde, schien mit der kühleren Jahreszeit in Deutschland merklich abgeflaut zu sein.


Mit dem deutschen Winter schienen die taiwanischen Investoren nicht gerechnet zu haben, denn die Angebotspalette in den Teeläden blieb beschränkt. Das erinnert an die Standardfrage von Taiwanern, die in der Zeit von November bis März nach Deutschland fliegen, welche Kleidung sie mitbringen sollen. Die richtige Antwort lautet dann: „Kauf dir was passendes in Deutschland.“

Und so gingen die Teeläden im Winter ein wie die Fliegen. Nur einige augenscheinliche Spätzünder und Top-Standorte der starken Gruppen, wie Bobo Q, blieben übrig.

Der Bobo Q in Düsseldorfs asiatischen Distrikt an der Immermannstraße 65c bot schon einmal „O-Cakes“, Räderkuchen, etwa mit den Füllungen „Rote Bohnen“ und „Cream“, so eine Art Vanillecreme, an. Auf dem Foto zeigt sich der Bobo Q-Stand mit seiner Spezialität beim Frühlingsfest der taiwanischen Gemeinschaft in Düsseldorf.

Vielleicht könnte sich so das Lokal wirklich zum Restaurant im Taiwan-Stil (台式餐廳 / Táishì cāntīng) entwickeln. Seit neuestem gibt es dort die „Kara Chicken Bars“. Leider ist offenbar der klassische Oolong-Tee, der für Taiwan sehr typisch ist, vom Menü verschwunden, was ich persönlich bedauere. Es ist zu vermuten, dass dies an der geringen Bekanntheit dieser halbfermentierten Teesorte in Deutschland liegt.

Das wird sicher noch ein evolutionärer Prozess sein, bis die taiwanische Gastronomie ein optimales Konzept für Deutschland entwickelt hat. Der Einstieg ist gemacht, selbst wenn nicht zu erwarten ist, dass der taiwanische O-Cake – im eigenen Jargon in Anspielung auf Süße und Dickwerden 噢-Q-胖 (Ō Kiū Pàng) genannt – ausgereifte, deutsche Kaffee- und Kuchengebräuche wandeln kann. Aber Taiwan hat mehr Trümpfe, die auch im deutschen Winter ansprechen können, wenn ich etwa an den Wolfsbeeren-Dattel-Tee (枸杞紅棗茶 Gǒuqǐ hóngzǎo chá) denke.

Immerhin ist es auch der italienischen Kultur seit den 1960er Jahren gelungen ausgehend von Urlaub, Sommerhits, wie „Azzuro“ oder „Vamos a la playa“, und Eiscreme mit den hinzugekommenen und populär gewordenen Kaffeespezialitäten sowie anderen Angeboten im Sommer wie im Winter ein fester Bestandteil im deutschen Alltag zu sein.

Auf den Philippinen haben sich bereits taiwanische Bistros mit einem runden ganzjährigen Angebot etabliert. Das sollte auch in Deutschland klappen. Wäre es eine Geschäftsidee sich noch etwas mehr auf die alternde deutsche Bevölkerung, gedanklich näher am Wellness-Gedanken und mit dickerer Geldbörse, auszurichten?

Ganz ohne Wellness-Gedanken schlürft Luo You seinen Babbeltee, während er auf die O-Kai-Sänger wartet und mit anderen Anwesenden plaudert.